Predigt über Römer 8,18-25: In der Welt sichtbar werden

Liebe Gemeinde, der Predigttext heute am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, der zugleich Volkstrauertag ist, steht im Römerbrief. Bevor ich ihn verlese möchte ich Ihnen einiges zum Drumherum erzählen, denn was der Apostel Paulus da an die Römer schreibt, ist beim einfachen Hören kaum zu verstehen. Für Paulus geht es im Römerbrief darum, sich der römischen Gemeinde vorzustellen. Er war noch nicht dort und der Brief soll seine Ankunft ein Stück weit vorbereiten. Deshalb erläutert Paulus den Römern seine Theologie: was und wie er glaubt. Eines war für Paulus ganz gewiss: die Wiederkunft Christi würde nicht mehr allzu lange dauern. Seine Gegenwart erlebte Paulus als schwierig, denn der neue Glaube der Christen wurde vielfach nicht akzeptiert. Die Juden lehnten ihn als Aberglauben ab, den Römern erschien es als Lästerung der Götter, nur an einen Gott zu glauben, und den philosophisch gebildeten Griechen musste Paulus geschickt klarmachen, wer Jesus ist. Häufig wurde er deshalb gefangen genommen und angeklagt oder musste Repressalien der Obrigkeit hinnehmen. In dieser Situation, die Paulus als Leiden beschreibt, war ihm aber eines klar: für die Menschen, die zu Jesus Christus gehören, gilt vor Gott anderes. Auch wenn die jungen Gemeinden es schwer hatten und ihr Glaube weniger als begrüßt wurde, war Paulus folgender Überzeugung – ich lese den Predigttext aus Römer 8:

Röm 8,14-25 (Basisbibel) Ich bin überzeugt: Das Leid, das wir gegenwärtig erleben, steht in keinem Verhältnis zu der Herrlichkeit, die uns erwartet – und die Gott an uns offenbar machen will. Die ganze Schöpfung wartet doch sehnsüchtig darauf, dass Gott offenbart, wer seine Kinder sind. Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen – allerdings nicht aus eigenem Antrieb. Sondern Gott hat es so bestimmt. Damit ist aber eine Hoffnung verbunden: die Hoffnung, dass auch die Schöpfung selbst aus der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit wird. Und dass sie so zu der Freiheit gelangt, die Gottes Kinder in der Herrlichkeit erwartet. Wir wissen ja: Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz wie in Geburtswehen – bis heute. Und nicht nur sie! Uns geht es genauso. Wir haben zwar schon als Vorschuss den Heiligen Geist empfangen. Trotzdem seufzen und stöhnen auch wir noch in unserem Innern. Denn wir warten ebenso darauf, dass Gott uns endgültig als seine Kinder annimmt – und dabei unseren Leib von der Vergänglichkeit erlöst. Denn wir sind zwar gerettet, aber noch ist alles Hoffnung. Und eine Hoffnung, die wir schon erfüllt sehen, ist keine Hoffnung mehr. Wer hofft schließlich auf das, was er schon vor sich sieht? Wenn wir dagegen auf etwas hoffen, das wir noch nicht sehen, dann müssen wir geduldig darauf warten.

Wer ist Kind Gottes?

Liebe Gemeinde, als Leiden beschreibt der Apostel die Gegenwart der Christen damals – als Leiden um des Glaubens an den Gekreuzigten und Auferstandenen. Seine Naherwartung der Wiederkunft Christi beschreibt er als »Harren«. Harren worauf? Darauf dass die »Kinder Gottes« offenbar werden. Im Griechischen verwendet Paulus für das »offenbar werden« das Verb apokalypsestai – Sie hören den Namen des letzten Buchs der Bibel, die Apokalypse oder Johannes-Offenbarung, anklingen. Denn dieses »offenbar werden« ist ein endzeitliches Geschehen, das Paulus noch zu seiner Zeit erwartet. Und spannend: in Römer acht Vers vierzehn schreibt der Apostel, wer diese Kinder Gottes, die da offenbar werden sollen, sind. Er notiert: »Die, die durch Gottes Geist geleitet werden, die sind Gottes Kinder.« Liebe Gemeinde: wir sind Gottes Kinder. In der Taufe auf Vater, Sohn und Heiligen Geist sind wir Teil der Familie Gottes geworden.

Paulus stellt seine Worte in weiten Horizont

Paulus’ Blick geht an dieser Stelle noch weiter: er spricht von der Schöpfung und ihrem Warten auf die Offenbarung. Dass Martin Luther in seiner Übersetzung aus der alten lateinischen Bibel Vulgata statt des Wortes Schöpfung das Wort Kreatur aufnimmt, passt gut. In der Modewelt spricht man von Kreationen, wenn man die Machwerke eines Modeschöpfers bezeichnet. Wenn Luther hier Kreatur schreibt, dann meint er Schöpfung. Doch die weitere Bedeutung, dass das Wort Kreatur auch irgendein Tier bezeichnet, greift Luther hier auf und spielt so mit den Worten. Wenn Paulus von Seufzen der Schöpfung – mit Luther übersetzt: der Kreatur – und ihrem sehnsüchtigen Warten spricht, dann kann man in der Tat fragen: Verstand Paulus zu seiner Zeit die Erde als eine Art Lebewesen?

Immerhin wissen wir alle, dass die Menschen zu seiner Zeit sich die Erde als Scheibe vorstellten und als Jude wähnte Paulus diese Scheibe auf gewaltigen Stützpfeilern ruhend, dazwischen die Scheol als Totenwelt, und der Himmel war nur eine Abtrennung zum Himmelsozean, der die ganze Erde umgab. Man könnte meinen, dass Paulus hier von der Erde als Lebewesen spricht, das genauso wie er auf die Endzeit, die Wiederkunft Christi, wartet.

Wir wissen heute aufgrund unseres wissenschaftlichen Fortschritts, dass die Erde kein Lebewesen ist. Doch wenn Paulus ihre Gesamtheit mit Pflanzen und Tieren als belebt auffassen sollte, dann wäre er uns insofern voraus, dass er doch um die Schutzwürdigkeit dieser Erde, auf der wir leben, wüsste – eine Einstellung, die nach dem Raubbau, der zunehmenden Wüstenausbreitung und dem von uns verursachten Klimawandel auch für uns sicherlich nicht schlecht wäre, zerstören wir doch letztlich unseren eigenen Lebensraum. Doch das ist nicht das Thema dieser Predigt. Das Thema ist doch: wie gehen wir als Kinder Gottes mit dieser Gotteskindschaft um; wie »offenbaren« wir uns mitten in dieser gefährdeten Welt?

»Gegenwärtige Leiden«

Denn um unser Mittendrin-Sein geht es in diesem Text eben auch. Insofern passt es, diesen Text heute zu hören, denn es ist ja nicht nur der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres, sondern zugleich Volkstrauertag. Um das Trauerspiel des Zweiten Weltkrieges geht es und nachher werden an den Kriegerdenkmälern Kränze niedergelegt werden. Viele begehen diesen Tag als Gedenktag an die vor über 65 Jahren im Krieg Gestorbenen und nehmen ihn zum Anlass, »Nie wieder Krieg!« zu fordern. So ist das Thema dieses Tages ein ganzes Stück weit »das Seufzen der Kreatur«, geht es um erlittene Schrecken, Ängste und Sorgen. Doch zugleich ist der enorme zeitliche Abstand – der Zweite Weltkrieg ist immerhin seit mindestens vier Generationen Geschichte – ein Problem. Es sind die Wenigsten, die den Begriff »Zweiter Weltkrieg« mit eigenen Erlebnissen, mit eigener Lebensgeschichte, verbinden können. Für die anderen ist das nur ein Begriff aus Erzählungen, aus Geschichtsbüchern oder Filmen. Infolge sind es dann auch immer weniger Menschen, die sich an diesem Tag zu den Kriegerdenkmälern aufmachen. Der Volkstrauertag ist dabei, unbedeutend zu werden, weil seine Bedeutung in Vergessenheit gerät.

Seufzen der Kreatur mitten in der Welt – das erleben wir heute anders, auf dem Arbeitsmarkt oder ein Stück weit in unserem Sozialsystem. Seufzen der Kreatur mitten in der Welt – das ereignet sich auch in der Debatte um Fortpflanzungsmedizin, die seit Juli aufgeflammt ist. Am Mittwoch hat die EKD-Synode beschlossen, dieses Thema in der nächsten Zeit aufzunehmen und zu durchdenken. Vielleicht wissen einige nicht genau, worüber ich spreche, denn die Medien haben dieses schwierige Thema einigermaßen stiefmütterlich behandelt. Es geht um die Untersuchung von menschlichem Leben, das durch künstliche Befruchtung entstanden ist – viele kennen das unter dem altmodischen Begriff »Retortenbaby«.

Künstliche Befruchtung wird von Paaren mit Kinderwunsch als Hilfestellung benutzt, doch Untersuchungen wie Präimplantationsdiagnostik, kurz PID – so heißt die neuerdings erlaubte Methode – waren dabei bis Juli verboten. Im Juli hat der Bundesgerichtshof nämlich entschieden, dass im Reagenzglas gezeugtes Leben nicht denselben Schutz wie im Mutterleib entstandenes Leben genießt. Es darf durch PID genetisch untersucht werden, um es zu vernichten, sobald Krankheiten erkennbar sind. Erschreckenderweise wurde damit ein Leben zweiter Klasse bestimmt, denn werdendes Leben im Mutterleib darf dem Gesetz nach in solcher Weise nicht untersucht werden.1

Ein Argument von Befürwortern der neuen Möglichkeiten ist, dass es gegen die Menschenwürde einer Frau sei, einen möglicherweise kranken Embryo eingepflanzt zu bekommen. Aber ist es nicht so, dass diese Aussage zugleich jeden behinderten Menschen als menschenunwürdiges Leben verdammt? Fakt ist: Mit der Legalisierung dieser medizinischen Methode ist jetzt, 2010 in Deutschland, menschliches Leben Verfügungsmasse – schon vorgeburtlich. Wenn Leben mit PID getestet wird, ob es lebenswert sei oder nicht, dann muss diesen Tests aus christlicher Sicht eine klare Absage erteilt werden. Denn wer sind wir eigentlich, wenn wir entscheiden, wer leben darf und wer nicht? Was sind wir für eine Gesellschaft, wenn wir solche Methoden in unserer Mitte legal machen? Es steht uns nicht zu, Leben zu prüfen und zu genehmigen oder es bei Nichtbestehen selbst aufgestellter Kriterien zu töten. Es steht dem Bundesgerichtshof nicht zu, ein Leben zweiter Klasse zu definieren und dieses der Verfügungsgewalt von Menschen zu unterstellen – und als die Damen und Herren das in Leipzig getan haben, war das auch ein Volkstrauertag für alle Menschen in diesem Land. Wir haben Maß und Grenzen aus den Augen verloren.

Von unserer Hoffnung und wie wir sie umsetzen

Im Predigttext geht es Paulus darum, dass wir als Kinder Gottes offenbar werden – mitten in dieser Welt. Wir sind gerettet, schreibt er. In der Taufe haben wir diese Verheißung empfangen. Doch zugleich ist dies alles »auf Hoffnung« ausgelegt. Wir sind – das zeigen die Unmenschlichkeiten unserer Zeit – noch nicht am Ziel, Gottes Reich ist noch nicht. Paulus schreibt: »wir warten darauf in Geduld«.

Die aktuelle 2010er Shell-Jugendstudie, die einen Überblick über die Situation junger Menschen gibt, weist darauf hin: Religion ist im Abseits. Viele Jugendliche und junge Erwachsene können mit dem in Jesus Christus offenbarten Gott nichts mehr anfangen. Ein später Sieg der sozialistischen Ideologien: in den neuen Bundesländern heißt das Ergebnis regelrecht: Gott ist tot bei jungen Leuten, er spielt keinerlei Rolle mehr im Leben. In Deutschland ist dieser Tage wieder ein neues Heidentum etabliert. Religiöse Interessen werden andernorts gestillt. Dazwischen stehen unsere Kirche und versammeln sich unsere Gemeinden, in denen die Jungen und Jüngeren immer rarer werden. Da passt es, dass die Basisbibel übersetzt: »… dann müssen wir geduldig darauf warten.« (V. 25)

Und doch: Wir sind heute nicht näher oder weiter von der Erfüllung unserer Hoffnung entfernt als Paulus, deshalb sind dessen Worte immer noch aktuell. Sollen wir uns nun angesichts der von Statistikern behaupteten Glaubensferne unserer Umwelt entmutigen lassen? Wir könnten ja wie Paulus frohlocken: »Danke, Gott, dass Du mir im Heiligen Geist Glauben schenkst. Danke, dass ich Dein Kind bin. Danke, dass ich darauf vertrauen darf: ich werde am Ende der Zeiten bei Dir sein – dann, wenn Dein Reich aufgerichtet ist und es kein Leid, keine Ungerechtigkeit, keine Lieblosigkeit mehr gibt, sondern alles Deine Vollkommenheit widerspiegelt.« Paulus würde einer solchen Haltung wohl eher reserviert gegenüberstehen. Sicher: es ist gut zu wissen, was man glaubt. Sicher: Glaube an Jesus Christus ist eine Kraft, die selig macht (vgl. Röm 1,16f) – aber Paulus, der unermüdliche Missionar, hätte eine weitere Idee. »Geduldig warten« auf Gottes Reich angesichts unseres Noch-nicht-da-Seins ist das eine, doch ein »Der Weg ist das Ziel« gilt nicht.

Liebe Gemeinde, auch wenn wir nicht beeinflussen können, wann Gott sein Reich aufrichtet, so sind wir doch aufgerufen, diesem Reich den Boden zu bereiten. Die Basisbibel übersetzt (V. 19), dass »Gott seine Kinder offenbart.« Diese passivische Übersetzung ist so nicht ganz richtig. Gemeint ist aktiv: dass die Schöpfung darauf wartet, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Lassen Sie uns offenbar werden. Der Missionsbefehl Jesu gilt uns. Wenn viele Menschen heute meinen, dass Glaube reine Privatsache sei und Mission etwas Schädliches, ja beinahe Unanständiges sei, so muss dem widersprochen werden. Fragen wir uns: Wieso ist christlicher Glaube in unserer Gesellschaft immer unbedeutender? Wieso können junge Menschen immer weniger etwas damit anfangen? Wieso geraten christliche Werte auf’s Abstellgleis zugunsten solcher Entscheidungen wie der des BGH?

Vielleicht liegt es eben daran, dass ein Glaube, der nicht gelebt, sondern im öffentlichen Leben ausgeklammert wird, ganz einfach keine Relevanz hat. Denn was nicht vorkommt, kann wohl nicht wichtig sein. Christlicher Glaube ist darauf angelegt, weitererzählt zu werden. Das sollten wir viel mehr tun. Und das ist bereits Mission, nichts anderes hat Paulus getan. Christlicher Glaube zielt nicht auf das stille Kämmerlein oder ins Privatleben ab. Er ist eine Größe, die in die Gesellschaft gehört und dort, in unserer Lebenswelt, schon jetzt darauf zielen soll, diese Welt etwas besser zu machen.

Gerechtigkeit und Raum für alle – darauf sollten wir als Christinnen und Christen abzielen. Wo das nicht gilt, sollen wir unseren Mund aufmachen und durch unser Handeln zeigen, dass wir andere Ziele verfolgen. Die Schöpfung wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden – liebe Gemeinde, fragen wir uns doch einmal selbst, wie wir das in unserem Alltag anfangen können. Lassen Sie uns diesen Tag dazu benutzen, uns über unseren Glauben und seine Alltagsrelevanz neu zu besinnen. Denn wir sind Gottes Kinder, Botschafterinnen und Botschafter Jesu Christi.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.