Predigt über 1. Mose 27,1–41: Der erlistete Erstgeburtssegen

Die Begriffe Fluch und Segen

Liebe Gemeinde, was fällt Ihnen eigentlich ein, wenn Sie die Antonyme »Fluch und Segen« hören? Segen und Fluch, das ist etwas, das zumindest in metaphorischer Hinsicht unser ganzes Leben durchzieht. Da ist es ein Segen, wenn man gesund ist, man Arbeit hat, einen lieben Partner und der Hund bellt, aber nicht beißt.

Beim Fluch ist es schon schwieriger. Fluchworte – da denken wir an solch mittelalterlich-utopische Bilder wie Hexen, die einen verfluchen. Oder an den Film »Fluch der Karibik«. Oder ganz schlicht: an eine Verwünschung. Denn das ist Fluch hinlänglich: Dass da jemandem alles das gewünscht wird, was negativ ist.

Der erlistete Erstgeburtssegen – Gen 27,1–41 nacherzählt

Im Predigttext der Sommerkirchen-Predigtreihe geht es um Segen und Fluch. Der Text ist zu lang, um ihn vorzulesen oder in Gänze auszulegen, deshalb beschränke ich mich darauf, ihn nachzuerzählen und in Teilen auszulegen. Den vollständigen Text finden Sie auf Ihrem Handzettel, so dass Sie ihn nach dem Gottesdienst in Ruhe zu Hause lesen können.

Im Ersten Buch Mose wird von den Zwillingen Jakob und Esau vor allem eines berichtet: dass die beiden Konkurrenten waren, von Geburt an. Jakobs Hand durchbrach als erste den Mutterschoß, doch dann wurde Esau vor ihm geboren.

Als junge Männer hatte Esau dann seinem Bruder das Erstgeburtsrecht verkauft: als er hungrig vom Feld kam, wollte er von Jakob eine Portion Linsen haben, die dieser gerade kochte. »Na klar«, sagte Jakob, » aber nur, wenn Du mir im Gegenzug das Erstgeborenenrecht abtrittst!«

Esau tat es – das klingt ja irgendwie auch harmlos. Die Tragweite ist allerdings gewaltig. In der Zeit des Alten Testaments, als die Menschen noch als Nomaden lebten und mit ihren Herden umherzogen, war der Vater das Familienoberhaupt. Alles gehörte ihm. Wenn er im Alter nun den Segen an den erstgeborenen Sohn weitergab, wurde dieser damit zum Familienoberhaupt und Alleinbesitzer aller Güter im Familienverband. Dazu gehörte alles Vieh ebenso wie Sklaven, denn die Familien damals waren Großfamilienverbände aus vielen Personen. Das vierte Gebot, »Du sollst Vater und Mutter ehren«, spricht in diese Situation hinein. Vater und Mutter ehren meint, ihnen den notwendigen Lebensunterhalt zu gewähren, nachdem man den Segen empfangen und damit alles übertragen bekommen hat.

Für einen Teller Linsen hat Esau das alles aufgegeben.

Und nun war der Tag gekommen. Der alte, blinde Isaak konnte die Pflichten eines Familienoberhaupt nicht mehr wahrnehmen. Also rief er seinen Sohn Esau, den Erstgborenen, um ihm den Segen zu erteilen. Allerdings – eine Vorbedingung stellte Isaak: »Jung‘, geh und schieß mir meinen Lieblingsbraten, und nach dem Essen will ich dich segnen«. Esau rieb sich die Hände, nahm seinen Bogen und jagte davon.

Seine Mutter Rebekka allerdings tat nun etwas Verhängnisvolles: sie mischte sich ein, und zwar so richtig. Sie kannte ihre beiden Söhne und wusste: Jakob war definitiv der Pfiffigere der beiden. Esau war mehr ›Magen‹ als ›Gehirn‹; als Familienvorstand wäre er der weniger geeignete.

Rebekka intervenierte. Als Esau sich auf die Jagd machte, rief sie Jakob und erzählte ihm, was sich gerade im Zelt abgespielt hatte. Sie sagte zu ihm: »Beeil dich! Lauf auf die Weide und hole mir zwei kleine Ziegenböcke! Daraus bereite ich Deinem Vater schnell sein Lieblingsessen!« Und während Jakob sich auf den Weg zur Weide machte, dachte Rebekka schon weiter: ›Ich werde Jakob Esaus Festgewand anziehen – das riecht so typisch nach Esau, dass Isaak nichts merken wird. Ja – und die Felle der Ziegen, die wickeln wir Jakob einfach um Hals und Arme, dann sind sie so rau und haarig wie Esaus, falls Isaak nachfühlt.‹

So in der Art, das berichtet die Bibel, soll es sich damals abgespielt haben. Es ist eine schlimme Geschichte, denn was sind das für Familienverhältnisse, die wir da vorfinden! Der Vater, alt und blind, will ganz nach der Tradition gehen und den weniger geeigneten, aber Erstgeborenen segnen. Damit bewegt er sich aber ganz auf dem Boden alttestamentarischen Rechts und des gesellschaftlich Normierten.

Die Mutter freilich: sie mischt sich an dieser Schaltstelle der Zukunft für die gesamte Großfamilie ein. Und erschreckend: sie unternimmt nicht den Versuch, mit dem Patriarchen zu reden. Ihre Stimme zählt in Rechtsgeschäften nicht; als Frau ist sie ja gar nicht rechtsfähig. Aber auch als Gattin scheint ihr Einfluss auf Isaak in dieser Frage so wenig gegeben gewesen zu sein, dass sie nicht einmal den Versuch unternimmt. Sie schreitet zum Betrug und bedient sich zur Durchführung an allem, was es dazu bedarf.

Doch Rebekka betrügt nicht nur ihren Ehemann. Zugleich betrügt sie ihren Sohn Esau, indem sie dessen Zwillingsbruder Jakob vorzieht. Diejenigen unter ihnen, die mit Geschwistern aufgewachsen sind wissen, wie schwierig das ist, wenn die Eltern einmal scheinbar ein Geschwisterchen vorziehen. In solchen Momenten wird nicht selten die Grundlage für gestörte Geschwisterverhältnisse angelegt, die das ganze Leben fortdauern. Besonders unfair handeln Eltern zum Beispiel, wenn sie den später geborenen Kindern mehr erlauben, als die älteren Geschwister im selben Alter durften oder genau so viel Taschengeld zahlen usw. Das finden selbst die so Mehrbegünstigten unfair, nehmen die Vorteile aber natürlich gerne hin.

Eltern müssen gerecht sein, das ist die klare Erwartung. Rebekka ist nun das Paradebeispiel für eine unfaire Mutter. Denn sie ist es, die da betrügt und auch Jakob dazu anstiftet.

Und Jakob: warum macht er mit? Er hat seinem Bruder das Erstgeborenenrecht formal abgekauft, auch wenn es sich dabei eigentlich um ein unveräußerliches Recht handelt. Warum geht er nicht zu Isaak und sagt: ‚Hör mal Vater, die Geschichte verhält sich folgendermaßen…‘

Doch ob Esau auch ehrlich gewesen wäre und das Geschäft »Linsensuppe statt Alleinerbschaft« bestätigt hätte? Dass er darauf überhaupt eingegangen ist, sagt ja schon einiges über seinen Charakter und das wäre dann umso mehr Grund dafür, dass Isaak dem stattgibt.

Segen im Alten Testament

Jakob jedenfalls will den Segen haben – ob er ihm zusteht oder nicht, ob er ein Recht daran erworben hat oder nicht. Hauptsache Segen, Hauptsache Familienoberhaupt. Und das schließt Herrschaft über seinen Bruder Esau mit ein.

Im Alten Testament hat der Segen des Vaters über den Erstgeborenen Sohn eben diese juristische und gesellschaftliche Bedeutung. Doch Segen ist zugleich mehr. Segen, das ist das Zusprechen von heilvoller Kraft. Es ist Lebensmacht, Lebenssteigerung, Lebensüberhöhung, zeigt sich als Fruchtbarkeit, die den Boden ertragreich und die Herden zahlreich macht. Segen bedeutet Leben und Wachstum, Glück und Wohlstand, Hilfe, Bewahrung und Heil. Es heißt, dass Gottes Verheißungen von gelingendem Leben in Fülle mit einem sind. — vgl. Art. Segen und Fluch in RGG³.

Anschaulich wird dies im Wort aus Jesus Sirach 3,9: »Der Segen eines Vaters macht die Häuser der Kinder fest, der Fluch einer Mutter aber reißt sie nieder bis auf den Grund.«

Segen ist das Beglückende, Schöne, das unser Leben reich macht. (vgl. Art. Segen im Ev. Taschenkatechismus ETK.)

Darum geht es in dieser Geschichte eben auch. Jakobs Großvater Abraham war der erste Mensch, der eine besondere Verheißung von Gott empfangen hat: Dass seine Kinder so zahlreich wie die Sterne am Himmelszelt sein würden. An seinen Sohn Isaak hatte er diesen Segen weitergegeben und nun stand dieser kurz davor, den Segen weiterzugeben. Dabei kommt ein ganz besonderes Segensverständnis zum Ausdruck, das zeigt sich im Fortgang der biblischen Erzählung:

Jakob ging zu seinem alten, blinden Vater hinein ins Zelt. Esaus Festgewand hatte er an, und bevor Rebekka ihm das Essen in die Hand drückte, hatte sie seinen Hals und die Arme mit Ziegenfellen umwickelt. »Hier bin ich, mein Vater!« rief Jakob und trat ins Zelt hinein. Isaak stutze. ›Nanu, das klingt so gar nicht nach Esau‹, dachte er. »Wer bist Du?« rief er also zurück. – »Na, ich in dein erstgeborener Sohn Esau!« antwortete Jakob, »Aber nun setz dich zu Tisch! Ich habe dein Essen mitgebracht!«

»Wie hast Du denn das so schnell hinbekommen?«, fragte Isaak. – »Ach, weißt du, kaum dass ich aus dem Lager trat, lief mir auch schon etwas vor den Bogen. Aber nun koste davon!« log Jakob dreist weiter. Und das verfing nicht wirklich. – »Komm zu mir, mein Junge«, sagte Isaak, »Ich will nachfühlen, ob du’s wirklich bist!«

Jakob trat vor und die Hände des alten, blinden Vaters fuhren tastend über die Ziegenfelle, die Jakob ihm entgegenstreckte.

»Seltsam«, sagte Isaak, »Du klingst wie Jakob, aber deine Hände fühlen sich an wie die Esaus. Bist du wirklich mein Sohn Esau?« – »Ja, Vater«, antwortete Jakob.

»Nun gut, dann will ich dich segnen. Aber zuerst möchte ich essen«.

Jakob reichte seinem Vater das Essen und goss ihm auch den Wein dazu ein. Als Isaak fertig war, sagte er: »Küss mich, mein Sohn!« Als Jakob das tat, roch Isaak den Geruch von Esaus Kleidung, und nun endlich war er überzeugt. Er sprach ihm den Segen zu:

»Mein Sohn, du duftest kräftig wie die Flur, wenn sie der HERR mit seinem Regen tränkt. Gott gebe dir den Tau vom Himmel und mache deine Felder fruchtbar, damit sie Korn und Wein in Fülle tragen! Nationen sollen sich vor dir verneigen, und Völker sollen deine Diener werden. Du wirst der Herrscher deiner Brüder sein, sie müssen sich in Ehrfurcht vor dir beugen. Wer dich verflucht, den soll das Unglück treffen; doch wer dir wohl will, soll gesegnet sein!«

Kaum dass Jakob aus dem Zelt war, kam sein Bruder Esau von der Jagd zurück. »Mein Vater, setz dich und iss von dem Wildbret, das ich für dich gejagt habe, und dann segne mich!«

»Wer bist du?«, rief Isaak, dem Schreckliches dämmerte. – »Na, Esau, dein Erstgeborener!« – »Aber wer war dann der Jäger, der mir eben zu essen gebracht hat und den ich gesegnet habe? Diesen Segen kann ich nicht mehr rückgängig machen!« sagte Isaak.

Esau schrie auf. »Vater, segne mich auch!« – »Nein, mein Sohn«, antwortete Isaak. »Dein Bruder Jakob hat dich mit List betrogen und um den Segen gebracht.«

»Hast Du denn keinen Segen für mich übrig?« fragte Esau.

Isaak antwortete: »Ich habe ihn zum Herrscher über dich gemacht; alle seine Brüder müssen ihm dienen. Mit Korn und Wein habe ich ihn reichlich versehen. Was bleibt mir da noch für dich, mein Sohn?«

Esau sagte: »Hast du nur den einen Segen, Vater? Segne mich auch!« Und er begann laut zu weinen. Da sagte Isaak: »Weit weg von guten Feldern wirst du wohnen, kein Tau vom Himmel wird dein Land befeuchten, ernähren musst du dich mit deinem Schwert! Du wirst der Sklave deines Bruders sein; doch eines Tages stehst du auf und wehrst dich und wirfst sein Joch von deinen Schultern ab!«

Segen als Lebensmacht, als Verbindung mit Gottes Verheißung, und als unwiderruflich – so wird der Segen hier gefasst. Für Esau bleibt nichts mehr übrig. Voller Grimm beschließt er, seinen Bruder Jakob zu töten – nein, nicht sofort, sondern erst, wenn Isaak gestorben ist.

Doch auch dies hört Rebekka und warnt den gesegneten Jakob, zu verschwinden. Sie sendet ihn fort zu ihrem Bruder Laben, bringt ihn so erst einmal aus Esaus Schusslinie.

Segen aus christlicher Sicht

Wir heute erleben Segen meist anders als in der Geschichte Jakobs. Oft erfahren wir ihn am Ende des Gottesdienstes als liturgische Handlung. Es passt, dass der Segen dabei mit dem Kreuzeszeichen beschlossen wird, denn in der Tat rührt unser deutsches Wort »Segnen« vom lateinischen »*cruce signare*«, »das Kreuz zeichnen«, her.

Segen ist der Wunsch, dass einem Gutes geschehen soll und das Leben zugleich mit Gott als der Quelle alles Lebens verbunden sein möge. Segen, das ist der Zuspruch der Chance auf gelingendes Leben und eine Gegenrede gegen alles, was Leben erschwert wie Krankheit, Sorgen und Angst. Es ist die Erinnerung daran, dass Gott über dem allen steht und unser Leben in seiner Hand steht.

Gesegnet sein heißt, um diesen Gott zu wissen, der das Leben will, der es geschaffen hat. So kann Segen eine Kraftquelle zum Guten, zu gelingendem Leben sein, selbst in schwierigen Zeiten, selbst in »dunklen Tälern« auf dem Lebensweg. Jakob musste nach dem Segensempfang erst einmal seinem Bruder entfliehen. Doch auf dunklen Lebenswegen ist der Segen Gottes wie das Licht, das es möglich macht, wieder eine Perspektive zu bekommen.

Was wir mit »Segen« tun können

Segen gilt den Lebenden. Er gilt weder Dingen wie Häusern oder Autos noch Tieren. Wenn wir uns mit Segen beschäftigen, dann können wir sicher sein: es ist die Verheißung, dass uns Leben zufließen möge aus der Quelle des Lebens, aus Gott selbst. Auch wir können und sollen deshalb Segen weitergeben: den Kindern genauso wie den Kranken, den Suchenden und den Verzweifelten.

Vorhin haben wir Luthers Morgensegen als Eingangsgebet gemeinsam gebetet. Sie merken: wenn man es genau nimmt, dann ist es kein Segen, weil es darin darum geht, gelingendes Leben für sich selbst zu finden. Segen können wir aber in Gottes Namen immer nur anderen weitergeben, nicht uns selbst. Im Segnen stehen wir dafür ein, dass der Gesegnete, den wir ansprechen, zu Gott in Beziehung gesetzt wird. Der Unterschied zum Gebet ist, dass wir darin Gott anreden, im Segnen hingegen die Gesegneten.

Was wir hier mit Segen tun können, ist das Folgende: Wir können ihn empfangen, darauf vertrauen, in besonderer Weise mit Gott verbunden zu sein und ihn weitergeben, damit auch andere Menschen mit Gott in Berührung kommen – damit auch sie neue Kraft und gutes Leben finden können und behütet sind. Lassen Sie uns das bewusst machen: Segen bedeutet mehr als Worte – es ist eine Verbindung, die uns mit Gott in Beziehung setzt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.