Predigt über Markus 10,35–45

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Liebe Gemeinde, kennen Sie das Gefühl, in einer verkehrten Welt zu leben? Mir geht das manchmal so, besonders, wenn ich Zeitung lese oder Nachrichten höre. Vielleicht ist Ihnen das diese Woche ja auch so gegangen, zum Beispiel angesichts der neuen Debatte über einen Einheitstarif in der Krankenversicherung. Lassen wir dieses Thema am Wegesrand liegen – bei der darin enthaltenen Frage nach sozialer Gerechtigkeit kann man nachdenken, ob die Politiker, die diese Änderungen vorschlagen, wirklich gerecht im Blick auf die Gesamtbevölkerung handeln. Schwingen sie sich nicht jenseits ihres Auftrages zu Herren auf, indem sie eine für das Gros nachteilige Reform durchführen wollen?

Im Predigttext klingt die Frage nach dem rechten Verhältnis zwischen Herrschen und Dienen unüberhörbar durch. Ich lese den Predigttext aus dem Markusevangelium, Kapitel 10:

Mk 10,35–45 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

»Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.« Diesen Satz muss man sich doch regelrecht auf der Zunge zergehen lassen! Denken wir an kleine Kinder, die in so ähnlicher Form an ihre Eltern herantreten und etwas haben möchten, pardon: wollen. Oder stellen Sie sich das mal in einem Betrieb vor, wenn die Auszubildende an ihre Chefin herantritt, an den Gesellen und langjährigen Betriebsmitgliedern vorbei, und so eine Bitte tut.

Wie so etwas wahrgenommen wird, wissen wir alle. Der Predigttext berichtet: »Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.« (V. 41)

Es ist einfach nicht richtig, wenn sich jemand ein größeres »Stück vom Kuchen« nehmen will. So macht man sich keine Freunde, denn was das letztlich ist, ist doch klar: unverblümt geäußerter Egoismus. »Ich will mehr« ist die Botschaft, und was sie sozial so anstößig macht ist, dass es ein »Mehr–als-die–anderen–haben«-Wollen ist. Das muss auf Widerstand stoßen. Was sagen Eltern Kindern, wenn da jemand mehr als die Geschwister bekommen will? Wen befördert die Vorgesetzte, wenn ein Beliebiger beschließt, jetzt aufsteigen zu wollen?

In allen Fällen ist eines sicher: sympathisch wird die Reaktion nicht ausfallen. Selbst Jesus scheint aufgrund dieser Bitte erst einmal verdutzt zu sein: »Ihr wisst nicht, was ihr bittet!« sagt er zu ihnen. Was ist das auch für eine Idee, die die Beiden ausgeheckt haben! »Heute ein König« haben sie vielleicht gedacht und da wären wir beim Fortgang der Antwort Jesu: »Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe mit der ich getauft werde?« (V. 38).

Jesus versucht ihnen klar zu machen, dass sie sich an diesem Begehren nur »verschlucken« können. »Kelch« und »Taufe« – ist das ein Vorgriff auf die beiden Sakramente, die der Ort der Begegnung mit Christus für uns sind? Hier, bei Jesus jedenfalls sind sie Chiffren für das, was ihm bevorsteht, auf das er willig zugeht. An dieser Stelle hat das nicht mit den Sakramenten, die ja Zeichen zum Leben sind, zu tun. Hier im Predigttext steht dahinter das ganze Passionsgeschehen: Das Erdulden des Verrats, Verurteilung, Folter und zum Schluss die grausame Ermordung, die die Römer mit der Kreuzigung praktizierten. Hier sind es Zeichen für das bevorstehende Leiden, denn Jesus wusste, auf welchen Weg er nach Jerusalem war, was das Ziel sein würde.

Jakobus und Johannes wissen es nicht. Ihnen ist gar nicht klar, worum sie bitten. Sie schauen gewissermaßen auf’s Ergebnis: Den Platz im Thronsaal. Und sie wollen umsonst dorthin, sozusagen »Erster Klasse auf Einladung.«

Wenn ich jetzt sagte: Da sind auch Kosten mit verbunden; es kostet gar das Leben, dann wäre das ein teilweise richtiger, doch auch ein ganz schön falscher Satz. Immerhin: der Hinweis darauf, dass von Nichts nichts kommt, der stimmt.

In der Taufe ist uns der »Freifahrschein zu Gott« geschenkt – unverdient und unbezahlbar. Uns steht der Weg zu Gott offen.

Freilich: Jakobus und Johannes sind noch davor, sind noch mit dem irdischen Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Es ist noch nicht so weit und so heißt, wenn sie sagen: »Ja, wir können den Kelch trinken, den Du trinkst und die Taufe erleben, die Dir bevorsteht«, dass sie dasselbe durchmachen wollen – nicht wissend, was das ist… Wäre ihnen klar gewesen, was da kommen würde und hätten sie gewusst, was wir darüber wissen, dann hätten die Beiden niemals diese Bitte getan.

Jesus misst anders

Wie ist das eigentlich bei uns? Sind wir nicht auch manchmal wie diese beiden Apostel, die schnell und mühelos »mehr« haben wollen? Ist das nicht die Triebfeder von uns Menschen, besser, reicher, schöner usw. sein zu wollen als unsere Mitmenschen?

Einige Beispiele:

  • In der Schule gucken alle, wenn ich mit dem neuesten Smartphone um die Ecke komme.
  • Den autonärrischen Nachbarn beeindruckt man mit dem neuen, »auf Pump« gekauften Wagen. Oder man poliert die alte Karre wenigstens.
  • Die Freundin beeindruckt man mit neuer Garderobe und Schuhen und zuletzt kann man ja auch noch die Urlaubsreisen erwähnen.

Womit geben Sie am liebsten an? Womit können Sie sich am besten hervortun?

»Gib, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit …« riefen die Jünger – und auch wir wollen lieber größer als kleiner, lieber wichtiger als unbedeutend, lieber gefragt als ignoriert sein. Wir alle haben Techniken entwickelt, uns hier und da einmal aufzuwerten.

Im Predigttext nimmt Jesus später, als alle zwölf Apostel beisammen sind, den Wunsch der Beiden ebenso wie die ablehnende Reaktion der Übrigen auf. Er benennt das in der Politik übliche Verhalten als Beispiel dafür, dass wir Menschen immer wieder versuchen, uns über andere zu erheben »Aber so ist es unter euch nicht« (V. 43) übersetzt die Lutherbibel hier zu zahm – treffender ist die Übersetzung: »Aber so soll es unter euch nicht sein!« (cf. die alternative Übersetzung des folgenden Futures «estai», die ebenfalls imperativisch bei Luther ist).

Jesus fährt fort und macht den Jüngern klar, dass ihr groß-sein-wollen anders auszusehen habe: Der Größte soll ein Diener sein.

Diese Sicht, dass Größe heißt, sich klein zu machen, läuft mindestens der Idee unseres Wirtschaftssystems und Fiktion eines jährlichen Wachstums entgegen. Und momentan wächst ja auch nur die Staatsverschuldung, die wir kommenden Generationen vererben werden.

Jesus sagt also: Euer Maßstab soll Gegenteil des Üblichen sein.

Kann das funktionieren? Ist das überhaupt attraktiv – warum bitte schön sollte man sich so verhalten? Da bliebe doch für einen selbst kein Vorteil!

Aber anders herum gefragt: Wie sähe diese Welt aus, wenn alle Menschen so zu handeln versuchten? Straßen ohne drängelnde Autofahrer. Buffets und Geschäftsauslagen ohne blindlings vorwärts Stürmende. Menschen, die aufeinander Acht geben. Fragen Sie sich selbst: was wäre die Folge, wenn wir anfingen, neben einer ausgeprägten Selbstliebe viel entschiedener eine Portion Nächstenliebe zu ergänzen? Was wäre das für eine Welt!

Jesus schließt: »Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele« (V. 45).

Jesus hat es vorgelebt. Die Passionszeit geht nun bald ihrem Höhepunkt entgegen. Jesus ist seinen Weg zu Ende gegangen. Er hat das Unvorstellbare getan und uns den Weg in die Gemeinschaft mit Gott eröffnet. Uns fordert er auf, seinem Vorbild nachzufolgen. Wir sollen mehr dienen als herrschen. Eine interessante Aufforderung an uns, die wir in einer Dienstleistungsgesellschaft leben, Dienst und Dienen als dem Broterwerb dienende Tätigkeit verstehen, die selbstverständlich entlohnt werden müssen.

Bei Jesus hat Dienen nichts damit zu tun. Es ist vielmehr alles das gemeint, was auch den anderen gut tut. So zu dienen heißt, andere mit in Blick zu nehmen; aufmerksam zu sein; da zu sein, wo man gebraucht wird und sich nicht abzuwenden. Es geht um Warmherzigkeit anstelle sozialer Kälte. Es geht darum, schon hier und jetzt ein Stück Himmel zu bauen.

Schenke uns Gott das: den Blick über uns selbst hinaus und das Verstehen, was wahre Größe in Gottes Augen ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.