Predigt über Römer 5,1–11

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag Reminiszere steht in Kapitel fünf des Römerbriefs, ich lese die Verse eins bis elf aus der Lutherbibel:

Röm 5,1–11 (Luther) Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist. Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.

Liebe Gemeinde, das sind schöne Worte, die Paulus dort notiert. Wir hören von Gerechtigkeit, Glaube, Friede, Gnade, Hoffnung, Liebe und Versöhnung. Und das alles bettet Paulus ein in das Erleben der Gemeinde, dass dies Dinge sind, die noch im Werden begriffen sind. Die Welt der römischen Gemeinde ist ebenso wenig perfekt gewesen wie wir unsere Welt heute als unvollkommen erleben.

Streit, Sorgen, Egoismus – das sind ein paar Gipfel des Negativen, das wir bei anderen wie auch bei uns selbst wahrnehmen können – vorausgesetzt, wir gestehen es uns ein. Denn dazu fordert uns Paulus in diesem Briefteil heraus: einen aufrichtigen Blick auf uns selbst zu werfen und nichts zu beschönigen.

Es sind auch düstere Worte, die Paulus schreibt: Wir hören von Bedrängnis, von Gottlosen, dem Sterben Jesu Christi, von Sündern, Zorn, Feinden, Tod. Und Paulus macht deutlich: wir sind die Sünderinnen und Sünder (V. 6 und 8).

Sünde – ein schwieriges Wort

Unsere Konfis denken jetzt vielleicht: »Mahlzeit, wieder das mit den Sündern: typisch Kirche! und was bitte schön soll das mit mir zu tun haben?« Die Antwort ist: Es handelt sich dabei um das, was für unseren christlichen Glauben die Grundlage ist. Wenn wir uns, nur weil das unbequem ist, nicht mehr als Sünderinnen und Sünder verstehen können, dann sind wir als Christen Opfer der Spaß- und Wellnessgesellschaft geworden; dann hat unser Stündlein geschlagen, denn wir bräuchten Gott nicht mehr.

Paulus sieht das anders. Der Horizont, den er im Sinn hat, erstreckt sich über die Zeit der Entstehung der Menschheit bis zu uns heute. Die Bibel erinnert uns in ihren Anfängen, dass diese Welt, dass wir Gottes Geschöpfe sind. Ein Weltbild, dass allein mit Evolution und Urknall zu argumentieren versucht, kommt nachweislich an Grenzen, weil damit nicht alles erklärlich ist. Es liefert uns heute allerdings ein erweitertes Weltbild, denn so können wir mehr lernen über die Frage nach dem »Wie« von Gottes Schöpfung.

Wir sind noch von Gott getrennt, leben nicht in der unmittelbaren Begegnung mit ihm. Im Zweiten Schöpfungsbericht steht nachzulesen, dass wir Menschen uns unserer gottgegebenen Möglichkeiten bedient haben, über Gottes Grenzen und Gebot hinweg. So ist es zur Trennung zwischen uns und Gott gekommen. Das ist es, was der Begriff »Sünde« bezeichnet: Trennung von Gott, die Störung des Verhältnisses zwischen ihm und uns.

Sie dauert bis heute an. So leben wir in einer Welt, in der es gilt, das Beste aus seinem Leben zu machen. Wettbewerb ist das Schlag‑wort. Im Wirtschaftsleben, das alle Bereiche unseres Lebens mitbestimmt, erleben wir, welche »Blüten« das treibt. Es ist mehr Recht als Gerechtigkeit darin.

Darum geht es Paulus: Dass wir als Menschen immer wieder anders handeln und entscheiden, als Gott es wünschen würde. »Schwach« und »gottlos« sind die Worte, die Paulus dafür gebraucht.

Sind wir das? Ist diese Zustandsbeschreibung für uns Menschen als Sünderinnen und Sünder zutreffend oder regt sich nicht vielmehr empörter Widerspruch in uns?

Anfang Februar (2010) gab unsere Landeskirche eine Handreichung mit dem Titel »Aus Leidenschaft für uns – zum Verständnis des Kreuzestodes Jesu« heraus. Da wird in ganz einfachen Worten beschrieben, was christlicher Glaube bedeutet. Ein Gedanke darin ist der von »struktureller Sünde«.

Ein Beispiel macht deutlich, was damit gemeint ist: Oftmals kaufen wir ganz unbedarft billige Waren, die zu wahren Spottpreisen angeboten werden. Wir freuen uns über solche Schnäppchen und über das Geld, das wir so sparen. Wie diese niedrigen Preise zustande kommen, wissen wir aber eigentlich auch. Dass es sich dabei im Regelfall um irgendwo in Fernost gefertigte Waren handelt, die nach unseren Maßstäben unter fragwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Hilfreich ist in solchen Fällen die Selbstvergewisserung, dass man ja selbst nicht viel habe, dass man niemandem weh tue und dass ja schließlich der Laden, der solche Waren anbiete, wenn überhaupt der Schuldige sei. Und so weiter. Aber dass das irgendwie zu schön ist, um wahr zu sein, das ist uns als intelligenten Menschen bewusst.

In der Handreichung »Aus Leidenschaft für uns« heißt es: »Von Geburt an sind wir – als Täter und Täterinnen und als Opfer zugleich – in unentrinnbare Schuldzusammenhänge verwickelt, auch wo wir uns direkt nichts vorzuwerfen haben. Wir leben in Strukturen, die wir nicht bejahen, aber auch nicht einfach verlassen können. Unser Lebensstil bringt mit sich, dass zahllose Menschen in anderen Regionen der Erde zu Opfern werden.« (S. 18)

Das Fiese unserer Lebensumstände liegt darin, dass es Bereiche unseres Lebens gibt, die uns zwangsläufig schuldig werden lassen – ob wir das wollen oder nicht – und zwar gegen unsere Nächsten und gegen Gott und seine Gebote.

Weshalb die Macht der Sünde durchkreuzt ist

Paulus spricht uns also als Sünderinnen und Sünder an. Freilich: »Wenn in der Bibel von Schuld und Sünde die Rede ist, dann geht es nicht darum, den einzelnen Menschen zu ertappen, bloßzustellen und ihn einem auf Rache sinnenden Gott auszuliefern.« (S. 15)

Mit dieser »Hörhilfe« können wir die Rede von uns als Sünderinnen und Sündern heute richtig verstehen. Es ist keine Anklage, sondern eine Zustandsbeschreibung: so sind wir, können gar nicht anders sein.

Wo wir uns das eingestehen, sind wir einen Schritt weiter gekommen. Wir sollten den Predigttext also nicht als Anklage hören, sondern als Feststellung. Das Besondere: Paulus spricht von uns als Sünderinnen und Sündern, doch eben von begnadigten Sünderinnen und Sündern (V. 9). Gott selbst hat das Schema der Sünde wirksam durchbrochen. Sie ist noch da, an allen Tagen und Orten und macht vor niemand Halt, auch vor keiner »Alkoholsünderin« – und sei sie noch so gut. Das Perfide der Sünde ist, dass sie vor nichts und niemandem Halt macht.

Paulus bezieht sich also im Predigttext auf unser Mensch-sein an sich. Doch er belässt es nicht dabei, sondern wirft das Schuldhafte daran gleichsam über Bord, ins Meer der Liebe Gottes. »Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus« schreibt der Apostel. Wir sind der Sünde unterworfen, aber wir können uns einem anderen Herrn unterordnen.

Das macht Paulus deutlich: In Jesus Christus ist Gott selbst in die Welt gekommen, um uns im Herrschaftsbereich der Sünde einen anderen Weg aufzumachen. In Jesu Leiden und Sterben – Paulus erinnert uns: »für uns, aus Liebe« (V. 8) – wurde der Sünde der Prozess gemacht, wurde ihre Macht durchkreuzt. (S. 13)

Was wir schon jetzt verändern können

Wir erleben oft schmerzhaft, dass in unserer Welt Schuld und Tod vorhanden sind. Paulus spricht die Bedrängnisse auf unserem Lebensweg ja auch an (V. 3). Doch zugleich nennt er die Chance, die wir durch Jesu Handeln haben. Die ist doch, dass wir uns auf den Weg in ein anderes Sein aufmachen können, auch wenn wir immer wieder scheitern und auf so manchem Weg ein »rotes Licht« sehen.

Wo wir uns an Jesus Christus festmachen, ist auf unserem Lebensweg, trotz aller Schlaglöcher und dem oft fehlenden, Orientierung gebenden, Mittelstreifen, »grünes Licht«: Der Weg zu Gott ist frei, auch wenn wir Sünderinnen und Sünder sind.

Im 25. Psalm, der diesem Sonntag seinen Namen Reminiszere gab, heißt es: »Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind« (Ps 25,6) In Jesus Christus hat er uns dies erwiesen. Und weiter heißt es im 25. Psalm, dass Gott gerecht ist, dass er uns den Weg zeigt. Das ist es, wovon Paulus hier spricht: dass wir auf einem Weg sind, wo wir uns auf Gott besinnen.

Heute ist der zweite Sonntag der Passionszeit. Im Kirchenjahr sind wir auf dem Weg auf Ostern hin, dem sichtbaren Fanal dafür, dass Gott den Tod für uns besiegt hat. Vielleicht können wir in den nächsten Wochen ja auch kleine Schritte unternehmen, mehr von Gottes Vergebung her zu leben, und hier und da ein bisschen mehr Gerechtigkeit herstellen. Barmherzigkeit und Güte (Ps 25) können uns dabei leiten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.