Predigt über Titus 3,4–7

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Liebe Gemeinde, Liebe ist das Schönste auf der Welt. Denn was kann die Liebe toppen? Nicht wahr, da kommt lange erst einmal nichts. Wer schon einmal verliebt war und erleben durfte, wie aus Verliebtheit Liebe wurde, weiß, wovon ich spreche. Es heißt, einen Menschen gefunden zu haben, mit dem man sein Leben teilen möchte, mit dem zusammen zu sein das Beste überhaupt ist.

Und Liebe kann förmlich Berge versetzen, denn zu lieben heißt, den anderen mindestens ebenso wichtig sein zu lassen, wie man sich selbst wichtig erachtet. Es heißt, die Welt unvollkommen zu wissen ohne den anderen. Es heißt, sich nacheinander zu sehnen, wenn man getrennt ist. Es heißt, füreinander einzustehen und alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Zu lieben und geliebt zu werden ist etwas Wundervolles, denn erst im Erkennen des Gegenübers erkennten wir uns auch ein Stück weit selbst.

Weihnachten ist das Fest der Liebe, so heißt es. Doch ich will gar nicht wissen, in wie vielen Wohnzimmern der Heiligabend in Streit und verletzter Liebe gestern ausgegangen ist. Oder das noch tut, wenn Familien, die sich längst auseinander gelebt haben, in diesen Tagen einander empfindlich nahe kommen.

Mit der Liebe ist es oft gar nicht so weit her: Immer wieder erstaunt mich, wie viele Paare, die irgendwann ja auch ganz schwer verliebt gewesen sein müssen, einander wortkarg zu Tisch gegenübersitzen, sich nichts mehr zu sagen wissen.

Da frage ich mich: kann man Liebe abnutzen, so dass sie vergeht? Kann es sein, dass Liebe unter den Dornenranken der Gewöhnung und des Alltäglichen erstickt wird?

Wenn Weihnachten das Fest der Liebe ist, dann sollten alle die Paare, die sich jetzt wiedererkennen, dieses Fest dazu nutzen, ihre Liebe wieder hervorzuholen.

Doch das, was sich bei Paaren in Bezug auf eine in die Jahre gekommene Liebe leider oftmals finden lässt, das findet sich ebenso in Bezug auf das »Fest der Liebe«, in der Beziehung zu Gott. Auch sie wird uns oft gewöhnlich, verliert das, was sie so besonders macht.

Im Predigttext für das Weihnachtsfest hören wir von Gottes Liebe und was sie uns bedeuten kann. Ich lese aus Kapitel drei des Titus-Briefs:

Titus 3,4–7 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes [w. του̃ σωτη̃ρος ήμω̃ν θεου̃/unseres Rettergottes/Gottes unseres Retters], machte er uns selig [w. ʹέσωσεν/rettete] – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Liebe Gemeinde, der Advent als Vorbereitung auf die Ankunft Gottes in der Welt liegt nun hinter uns. Gerade für die Kinder ist das eine besonders spannende Zeit. Mit jedem Türchen am Adventskalender steigt die Erwartung, wächst die Vorfreude.

Der Predigttext passt zu diesem »Warten auf Weihnachten«, passt zu allem Sehnen bis zur Bescherung: »Als aber erschien…« fängt der vorgeschlagene Predigttext an, klingt beinahe wie ein lautes »Endlich«. Jetzt ist es also endlich so weit: Gott kommt und wir wissen alle, wie das gewesen ist. In der Evangeliumslesung Apg 2,1–20 haben wir gehört, wie Lukas Gottes Kommen in diese Welt beschreibt: Gott wurde Mensch, kam als kleines Kind zu uns, unspektakulär und ohne Feuerwerk.

In diesen wenigen Versen aus dem Titusbrief klingt die ganze Sehnsucht und Erwartung an. Endlich war Gott nicht mehr fern, endlich war er greifbar in die Welt gekommen.

Im Fortgang hören wir, was dann war, »als die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes erschien«. Es klingt wie eine Zielangabe, weshalb Gott sich so in die Welt begab: um uns selig zu machen (V. 5). Martin Luther übersetzt es so. Schaut man in den Grundtext, könnte man es auch schlichter übersetzen mit »Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Rettergottes erschien […], rettete er uns…« (M.P.) Doch Luthers Übersetzung ist viel aussagekräftiger, auch wenn uns Wörter wie »Heiland« oder »selig machen« vielleicht altmodisch und ein Stück weit unklar in ihrer Bedeutung geworden sind.

Was heißt denn dieses »retten«, das Luther mit »selig machen« übersetzt? Schaut man in Grimms Deutsches Wörterbuch zum Begriff, tauchen Umschreibungen wie »glücklich machen«, aber auch »des ewigen Heils teilhaftig machen« auf. Wie das geht, schrieb der Reformator Philipp Melanchthon: »Also werden gesäligt die, so die augen des glaubens fest auff Christum haben

Im Fortgang des Predigttextes treten evangelische Grundüberzeugungen zu Tage: Dieses selig machen geschieht für uns durch die Taufe auf Jesus Christus – durch sie sind wir mit ihm verbunden, wird eine Brücke über die 2000 Jahre seit dem ersten Weihnachtsfest geschlagen. Und der Heilige Geist ist wie der Pfeiler, der diese Brücke trägt, denn er ist seit der Taufe unsere Verbindung zu Gott an jedem Tag. So sind wir in der Taufe auf Jesus Christus, Gottes Sohn, mit Gott ver*söhn*t worden.

Lassen Sie uns davon singen: eg 44 O Du fröhliche (1–3)

Freue dich, du Christenheit – das können wir: »Erben des ewigen Lebens« nennt uns der Titusbrief im Fortgang. Das sind wir in der Taufe geworden und in bester paulinischer Tradition wird im Predigttext betont, dass dieses Ererben des ewigen Lebens durch Glauben an Jesus Christus, nicht durch fromme Werke geschieht.

Den Rettergott übersetzt Luther mit Heiland. »Christ ist erschienen, uns zu versühnen« haben wir eben gesungen (eg 44,2) Heiland – das ist der, der uns Heil macht, der verbindet, was zerbrochen und zerrissen ist (vgl. Jes 61,1a).

An Weihnachten werden wir daran erinnert, dass Gott zu uns in die Welt kam um die Verbindung wieder herzustellen, die doch abgerissen war. Eingangs erwähnte ich, wie häufig Streitigkeiten in diesen Tagen – alle Jahre wieder – aufbrechen und statt der Weihnachtsgans so manches Hühnchen gerupft wird. Zerbrochenes und Zerrissenes gibt es auch bei uns: sowohl in der Beziehung zu Gott, die oftmals brach liegt, als auch in den Beziehungen zu unseren Nächsten.

Der Weihnachtsfriede ist in diesem Tagen vielfach nicht gegeben und unser Glaube oftmals zerrüttet, keine tragende Kraft mehr. In einer Geschichte klingt das so:

Vier Kerzen brannten am Adventskranz. Es war ganz still. So still, dass man hörte, wie die Kerzen zu reden begannen. Die erste Kerze seufzte und sagte: »Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, sie wollen mich nicht.« Ihr Licht wurde immer kleiner und verlosch schließlich ganz. Die zweite Kerze flackerte und sagte: »Ich heiße Glauben. Aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr; dass ich brenne.« Ein Luftzug wehte durch den Raum, und die zweite Kerze war aus. Leise und sehr traurig meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort. »Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie liebhaben sollen.« Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht.

Die Weihnachtszeit ist für so manche, so manchen keine besinnliche Zeit voller Friede, Glaube und Liebe, sondern eine Zeit des Streits, der Sorge, des Sich-Abwenden von anderen.

Vielleicht geht Ihnen das ja auch so und Sie könnten jetzt das ein oder andere dazu sagen. Doch lassen wir die Beispiele heute einmal weg; wir kennen sie zur Genüge.

Im Predigttext hören wir von der Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes, die er in Jesus Christus in die Welt hineintrug. Wir haben gehört: auch wir sind mit Christus verbunden, sind sogar in Gottes Neuem Testament als Erbinnen und Erben der Verheißung auf ewiges Leben aufgenommen. »Nach unserer Hoffnung« schließt der Predigttext (V. 7)

Aus dieser Hoffnung heraus können wir handeln, können wir uns bemühen das zu flicken, was bei uns zerrissen ist.

Die Geschichte von den Kerzen war noch nicht ganz fertig, denn wir haben ja nur von den drei Kerzen Friede, Glaube und Liebe gehört, die verloschen waren. Von der letzten Kerze heißt es:

Da kam ein Kind in das Zimmer. Es schaute die Kerzen an und sagte: »Aber, aber; ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!« Und fast fing es an zu weinen. Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte: »Hab keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heiße Hoffnung.« Mit einem Streichholz nahm das Kind Licht von dieser Kerze und zündete die anderen Lichter wieder an.

Es gibt Momente, da ist uns alles Glauben in Zweifel verkehrt, ist kein Friede in unserem Herzen und alles Lieben erstorben. Weihnachten erinnert uns, dass Gott uns unter dem Stern von Bethlehem ein Hoffnungslicht in die Welt geschickt hat. In der Taufe sind wir unwiderruflich mit Christus verbunden, selbst wenn er uns kaum noch etwas sagt, wir kaum noch etwas mit ihm anzufangen wissen.

Er ist unsere Hoffnung, die uns wieder aufrichtet, uns im Geist »entflammt«, wenn uns im Streit der Friede, wenn uns in Sorgen der Glaube, wenn uns im Alltag die Liebe abhanden gekommen ist.

Wo wir uns das bewusst machen, können wir Weihnachten als Hoffnungszeit verstehen. Der »Geist der Weihnacht« – ohne auf die neue Verfilmung von Charles Dickens’ Klassiker anzuspielen – ist doch dieser: dass wir uns bewusst machen, was Gottes Liebe zu uns bewirkt und wie wir in diesem Geiste die Welt umgestalten können.

An Weihnachten kam Gott in diese Welt – wo wir ihn in unser Herz lassen, wird es auch bei uns wieder Licht, wo Dunkelheit herrscht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: Licht der Liebe (Ein Licht geht uns auf in der Dunkelheit … von Eckart Bücken)