Kurzpredigt über Psalm 23

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Liebe Gemeinde, »*unser Bürgerrecht ist im Himmel*« (Phil 3,20), schrieb der Apostel Paulus an die Philipper. Was für eine schöne Aussage! Wir Christenmenschen haben sozusagen eine doppelte Staatsbürgerschaft, brauchen kein Visum oder eine Aufenthaltserlaubnis, um Gott zu begegnen.

Es ist gut, das so noch einmal zu hören. Zu wissen: Da ist mehr, als ich sehe und fassen kann. Da ist Gott, der für mich ein Gutes bereithält, wenn ich hier nicht mehr bleiben kann. Denn das ist auch wahr: Wir sind nur Gast auf Erden, haben hier keinen Stand, so dichtete Paul Gerhardt. Und auch er schloss, mit Paulus ganz einer Meinung, an: Der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland.

Heimat bei Gott – durch Jesus Christus haben wir sie.

Doch was ist eigentlich hier und heute? Wir sind ja noch nicht da, sind noch ganz irdisch. Und das ist ja meist gar nicht so einfach. Man ist nicht mehr jung und fit, und das macht sich bemerkbar.

Eben haben wir den 23. Psalm gehört. Sie alle kennen ihn, viele haben ihn in der Sonntagsschule, im Konfirmandenunterricht oder gar der Schule gelernt. Auch heute lernen unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden diese Worte noch.

»*Der HERR ist mein Hirte*« fängt Psalm 23 an. Gott, der wie ein Hirte sein soll – ein altmodisches Bild. So wenige Hirten gibt es heute noch, die meisten scheinen einem in diversen Rosamunde Pilcher Verfilmungen zu begegnen, aber doch nicht im Alltag.

Gott als Hirte – irgendwie verstehen wir dieses Bild dennoch. Sicherlich steht die Arbeit des Hirten nicht für ein Zuckerschlecken; es ist ein rauher Beruf, draußen bei Wind und Wetter. Und doch: der Hirt steht für jemanden, der ganz grundlegend für andere sorgt. Und Sie kennen alle das Gleichnis, das Jesus dazu erzählt:

Lk 15,3–6 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

Dieses Bild ist schön und irgendwie haben wir es, meine ich, im Ohr, wenn wir den 23. Psalm hören. Gott als der Hirte, der mir nachgeht – gerade dann, wenn es mir schwer fällt, Weg und Richtung zu erkennen. Und es ist Gott, wie Jesus Christus selbst von sich im Johannesevangelium sagt:

Joh 11,11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Es ist mehr als nur ein Nachgehen, das Gott für uns tut. Psalm 23 macht das deutlich. Da heißt es weiter über Gott den guten Hirten: »Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele und führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen …«

Für das ganz unmittelbar Lebensnotwendige sorgt Gott – oft ja auch durch andere Menschen.

Und doch: Da sind auch Tage, die scheinen ihres Sinns beraubt. Da macht nichts mehr Sinn, da kommen wir nicht mehr weiter. »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal …«

Wir kennen sie, die finsteren Täler im Leben. Und es ist doch so: man kann manchmal darin stecken bleiben. Nichts geht mehr weiter, nicht vor und nicht zurück. Und die Frage lautet: hat man noch die Kraft, sich wieder aufzumachen? Geht das überhaupt?

»*Ich fürchte kein Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken uns Stab trösten mich*«, so lautet die Antwort des Psalmisten. Auch wenn es Zeiten gibt, in denen wir nicht mehr so können wie wir wollten: Gott weicht uns auch dann nicht von der Seite. Auch und gerade wenn wir ihn in solchen Zeiten kaum zu entdecken wagen und auch unser Herz sich verdunkelt.

Du bist bei mir – in dieser Gewissheit schrieb Paulus den Philippern die Worte: »Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.« (Phil 3,13f)

Gerade im Schweren Mut in Gott zu finden, aufzuschauen auf das, was noch kommt, uns verheißen ist – darin liegt die Chance für uns. Wo uns das gelingt, uns auch in finstern Tal an Gott Halt zu verschaffen, da können wir ausblicken auf das helle, gute, dass noch vor uns liegt. Dann können auch wir sagen: »Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein

Da können wir neue Kraft bei Gott bekommen, der uns auf unserem Weg treu begleitet und uns nicht allein lässt. Wo wir eine Seilschaft mit ihm bilden, da wissen wir: auch dem hier und jetzt ist noch ein anderes, Gutes, nachgeordnet. Als Christen wissen wir: unser Horizont ist weiter, als wir mit Augen sehen können.

Der Psalm endet »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRn immerdar

Schenke Gott uns an allen Tagen Kraft, diesen Satz den unsrigen sein zu lassen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.