Predigt über Markus 12,28–34 – Von der Selbst- und Nächstenliebe

Liebe Gemeinde, heute feiern wir den 10. Sonntag nach Trinitatis, er ist zugleich »Israelsonntag« und thematisiert das Verhältnis zwischen Juden- und Christentum. Dass dieses Verhältnis von Anfang an nicht immer einfach gewesen ist, wissen wir. Dass es im Lauf der Zeit zu schrecklichen Verfolgungen gekommen ist, ist uns ebenfalls bekannt.

Der Predigttext des heutigen Sonntags schlägt eine Brücke über alle Zerteilung, denn darin geht es um die grundlegendsten Dinge sowohl christlichen wie jüdischen Glaubens. Ich lese den Predigttext aus Kapitel 12 des Markusevangeliums:

Mk 12,28–34: Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »*Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften*« (5. Mose 6,4.5). Das andre ist dies: »*Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst*« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Liebe Gemeinde, das Reich Gottes beginnt dort, wo wir das leben: die Liebe zu Gott und unseren Nächsten. Doch das wissen wir alle: die Sache mit der Liebe ist gar nicht so einfach. Wir leben in einer Welt voller Liebe – diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man durch einen Buchladen geht oder das Fernsehprogramm überfliegt. In vielen Medien geht es um Liebe – genauer: um romantische Liebe. Ohne ein wenig »Herzschmerz« scheint nichts zu gehen. Romantik, die fällt jedem leicht. Jeder Mensch sehnt sich danach, dass da jemand ist, der für ihn da ist und für den er da sein kann. Das ist ein Grundbedürfnis.

Der Predigttext spricht eine andere Form von Liebe an. Sie ist wesentlich komplizierter und Nächstenliebe läuft immer Gefahr, mit der Selbstliebe verwechselt zu werden. Axel Kühner erzählt dazu eine Geschichte:

Ein Polizist kommt gerade dazu, als sich ein Mann von einer hohen Brücke in den Fluss stürzen und seinem Leben ein Ende machen will. »Machen Sie das bitte nicht!«, schreit der Polizist, »warum sollte sich ein junger Mann wie Sie das Leben nehmen?« – »Ich kann nicht mehr leben, ich sehe keinen Sinn und habe keine Hoffnung mehr!«, antwortet der Lebensmüde. Der Polizist redet eindringlich auf den jungen Mann ein: »Sehen Sie doch, wenn Sie jetzt in den Fluss springen, muss ich Ihnen nachspringen, das Wasser ist eisig kalt, und ich habe mich gerade erst von einer schweren Grippe erholt, ich werde also ernstlich krank, vielleicht werde ich daran sterben. Ich habe eine Frau und drei kleine Kinder. Möchten Sie das verantworten und auf Ihr Gewissen laden? Nein, sicher nicht. Das werden Sie mir nicht antun. Bitte seien Sie vernünftig. Gehen Sie nach Hause, beten Sie zu Gott, er wird Ihnen helfen. Gehen Sie heim. Zu Hause sind Sie allein und ungestört, da können Sie sich meinetwegen …« Wie oft war, was wir Nächstenliebe nannten, Eigenliebe und diente mehr dem eigenen Nutzen und unserer Befriedigung? Geht es uns wirklich um den anderen, wenn wir uns für ihn einsetzen? (Axel Kühner)

Eine fiese Frage ist es, die Axel Kühner da am Schluss der Geschichte stellt. Wie ist das denn, wenn wir jemandem helfen, etwas Gutes tun – also gemeinhin das, was als »Gute Tat«, als selbstlos, altruistisch usw. bezeichnet wird? Sind das immer lupenreine Taten der Nächstenliebe oder schwingt da nicht auch immer Selbstliebe mit?

Wer jemandem etwas tut, erwartet eine Gegenleistung. So ist unser Wirtschaftsprinzip, so handeln die meisten Menschen. Man gibt, man hilft und erwartet, mindestens dasselbe zu erfahren, wenn man einmal allein nicht weiterkommt. Sicherlich tun sich deshalb auch die meisten Menschen schwer, etwas anzunehmen oder um Hilfe zu bitten, denn die ungeschriebene Regel lautet, dann in des anderen Schuld zu stehen.

Schließlich gibt es auch Menschen, die persönliche Befriedigung daraus ziehen, anderen Gutes zu tun. Es sichert Aufmerksamkeit und Wertschätzung. So manche Bank und Firma handelt aus rein geschäftlichem Kalkül – wir kennen alle die Pressebilder von ein paar Gestalten mit einem überdimensionierten Scheck, auf dem dann in der Mehrheit der Fälle nur Kleckerbeträge, die berühmten »Peanuts«, stehen. Längst hat das »Tue Gutes und rede darüber« die Runde gemacht. Das Wort Jesu aus der Bergpredigt hingegen, »Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut« (Mt 6,3) wird aus betriebswirtschaftlichen Gründen verworfen.

So manche »Liebestat« ist also genau genommen reine Selbstliebe und dient in erster Linie der Befriedigung eigener Wünsche und Bedürfnisse. Das heißt, letztlich ist es in den allermeisten Fällen eben keine Liebestat, wenn jemand Geld spendet und dabei Wert auf große öffentliche Erwähnung legt. Es ist bestenfalls ein Geschäft, meist aber ein Ausnutzen der Bedürftigkeit des übervorteilten Gegenübers. Doch ist es der Allgemeinheit gegenüber nicht ein emotionaler Betrug oder eine Manipulation, wenn das aufkommende Wohlwollen angesichts der scheinbaren Guttat bewusst provoziert wird? Achten Sie doch einmal darauf, wie sich Ihre eigene Wertschätzung Firmen gegenüber verändert, die solche Werbeaktionen, pardon: Guttaten, durchführen.

Echte Taten der Nächstenliebe finden sich wohl am ehesten bei Eltern, die ihre Kinder selbstlos versorgen und das Allerbeste für sie zu erreichen trachten. Ihnen geht es weniger darum, Gegenleistungen zu empfangen als vielmehr darum, den Nachwuchs weiter zu bringen.

Liebe Gemeinde, die Sache mit der Nächstenliebe scheint also gar nicht so einfach und die Herausforderung liegt wohl am ehesten darin, mit sich selbst ehrlich zu sein. Wo Taten uns selbst dienlich sein sollen, sind sie eben keine echten Taten der Nächstenliebe, auch wenn der andere Nutzen daraus zieht.

Jesus weist den Schriftgelehrten, der ihn nach dem höchsten Gebot fragt, auf das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe hin mit dem Hinweis, dass er nicht weit vom Reich Gottes entfernt sei, wenn er dies am Wichtigsten sein ließe. Damit ist auch uns ein Weg gewiesen, den wir gehen sollen. Auch wir sollen die Liebe das wichtigste Prinzip in unserem Handeln und Entscheiden sein lassen. Dass dies ein hehres Ziel ist, haben wir bedacht. Eine Legende berichtet, dass die Menschen schon immer ihre Schwierigkeiten damit gehabt haben; sie geht so:

Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, lebte bis in sein hohes Alter hinein als Bischof in der Stadt Ephesus. Schließlich konnte er nur noch mühsam, auf die Arme seiner Helfer gestützt, zur Kirche gebracht werden. Auch konnte er nur noch kurze Zeit zur Gemeinde sprechen, dann verließen ihn die Kräfte. Aber einen Satz sagte er bei allen Zusammenkünften: »Kinder, liebt euch!« Das machte seine Schüler schließlich unwillig, und sie fragten ihn, warum er denn immer nur diesen einen Satz wiederhole. Johannes antwortete: »Weil es das Gebot des Herrn ist, und wenn dies allein geschieht, ist es genug.«

Wo wir versuchen, das Liebesgebot umzusetzen, wird ein Stück Himmel – ein Stück von Gottes Reich – schon heute sichtbar. Wie wir das tun können? Ich denke, jeder und jedem unter uns fällt da etwas ein, wo wir anfangen könnten. Eine Anregung finden wir, inspiriert durch Franz von Assisi, in unserem Gesangbuch: lassen Sie uns den Text unter eg 875 jetzt gemeinsam sprechen.

O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde, da, wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht, dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt, dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert, dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt. Herr, lass du mich trachten: nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. Denn wer da hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.

(eg 875, Ausgabe Rheinland, Westfalen, Lippe, S. 1401)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.