Predigt über Johannes 10,11–16

Liebe Gemeinde, dies wird eine wirklich »schafe« Predigt. Aber keine Angst: der Buchstabe R im Wort »scharf«, das einige jetzt vielleicht gehört haben, ist zu Hause geblieben. Also: eine »schafe« Predigt. Denn darum, um Schafe, geht es im Predigttext.

Sie kennen das ja, dieses Bild, dass wir als Christinnen und Christen wie die Schafe seien, deren Hirte Jesus Christus heißt. Ins Bild gesetzt sieht das z.B. so aus:

Wir als die Schäflein der großen Herde, der Gemeinde Jesu Christi … Im Predigttext in Johannes 10 klingt dieses Bild so an:

Joh 10,11–16.(27–30) Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.

Liebe Gemeinde, ich weiß nicht, wie es Ihnen mit dem Bild von uns als den Schafen und dann diesem Predigttext geht. Ehrlich gesagt stört mich dieses Bild von den Schafen ein wenig. So ein Schaf ist ein Herdentier, es läuft mit den anderen mit, trifft keine eigenen Entscheidungen. Ein Schaf – wer will mit so einem Biest schon verglichen oder nur in die Nähe gerückt werden?

Und der Hirte – er ist es doch, dem diese Schafe ungefragt zu gehorchen haben. Das mag an manch totalitäres System, im Großen wie im Kleinen erinnern, wo man nach jemand anderes Pfeife zu tanzen hat.

Dieser Hirte im Text ist anders. Er ist kein totalitärer Herrscher. »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir« sagt er. Er ruft, die Schafe folgen. Er sagt nicht: ich nehme meinen Hirtenstab und jage sie über die Wiese, und den Hund hetze ich gleich hinterher.

Der Hirt im Text ist ein Fürsorger. Hier wird das Hirtenbild des Alten Testaments aufgenommen, vorhin im 23. Psalm klang das an: »Der HERR ist mein Hirte – mir wird nichts mangeln«. Dieser Hirte ist einer, der zum frischen Wasser führt, der es gut meint.

Wenn Gott, wenn Christus als Hirte bezeichnet wird und dieses Bild so positiv gefüllt ist, dann habe ich eigentlich kein Problem damit, »Schaf« zu sein.

Ist dieses Bild vom Hirten, der seine Herde auf gute Weide führt, nicht auch für uns heute eigentlich ein sehr schönes? Idylle, die klingt darin an. Unser Urvertrauen wird damit angesprochen: Da gibt es jemanden, der für mich sorgt, der meine Seele erquickt.

Im Predigttext sind auch kräftige Gegenbilder enthalten: Das Bild vom Mietling, also dem angestellten Hirten. Der tut seinen Job von sieben bis vier und geht dann nach Hause. Und wenn es hart auf hart kommt, dann verduftet er und lässt die Herde Herde sein – so würde der Predigttext vielleicht modern formuliert klingen. »Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht… denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe« übersetzt es Luther.

Dass Christus der gute Hirte ist, das wissen wir; auch, dass wir in diesem Bild die Schafe sind. Doch wer ist der Mietling und wer der Wolf?

Es ist naheliegend, das Bild des Mietlings mit als Pfarrerin oder Pfarrer diensttuenden Theologen zu identifizieren. Beim Schreiben dieser Predigt fragte ich mich: Sollst Du das wirklich aufnehmen, das mit den Mietlingen? Wäre es nicht einfacher, das ganz nonchalant unter den Tisch fallen zu lassen? Denn vielleicht ist das ja eine ganz brauchbare Deutung! Und sicherlich ist es in unserer Zeit – Jesus hatte in dieser Rede ja noch keine Kirche vor Augen – an so mancher Stelle auch eine Richtige.

Doch beim Nachsinnen darüber fiel mir auch anderes ein, denn die meisten Kolleginnen und Kollegen kenne ich als engagierte Menschen. Die Alten unter uns erinnern sich vielleicht an die Pfarrer Friedrich Wieter aus Odenspiel und Heinrich Schmitz aus Bergneustadt – ganz nahe bei uns. 1937 wurden sie gewaltsam verfolgt, weil sie sich eben nicht wie die im Text geschilderten Mietlinge verhalten, sondern sich tapfer vor Ihre Gemeinden, für ein unverfälschtes Evangelium, gestellt haben. Denn damals waren es »Wölfe«, die nach den Gemeinden griffen. Die Organisation »Deutsche Christen«, eine Gruppe von Menschen, die mit dem Christentum überhaupt nichts zu tun hatte, wollte Adolf Hitler als wahren Christus etablieren und die Bibel umschreiben.

Wer sind die Wölfe heute? Gott sei Dank leben wir nicht mehr in dieser schlimmen Zeit und haben Religionsfreiheit. Doch auch wir können solche »Wölfe«, wie sie der Predigttext anspricht, entdecken. Sind das nicht all die Dinge, die uns die Richtung im Glauben verlieren lassen, die uns den Blick auf Jesus Christus als guten Hirten verstellen?

Gleichgültigkeit ist so ein »Wolf«, der auf leisen Pfoten daherkommt und uns auf andere Wege führt. Und es gibt noch vieles andere, das wie so ein Wolf im Predigttext ist. Wir alle kennen unsere Versuchungen, wissen um die Dinge, Wünsche, Bedürfnisse, die uns wichtiger erscheinen als das Bleiben an diesem guten Hirten. Da ist es verheißungsvoll das wir hören: »Meine Schafe kennen meine Stimme und folgen mir.«

Dass der Kontext dieser Worte weiter reicht als die landwirtschaftliche Idylle der Bilder vermuten lässt, zeigt sich im Fortgang: »Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.«

Anders als Schafe treffen wir Menschen eigene Entscheidungen, gehen auch Wege, auch ohne Gott. Was diese Beziehung angeht: sie ist wacklig. Im Text hören wir: »Nichts kann sie aus meiner Hand reißen«, das heißt, dass Gott seine Beziehung zu uns als gefestigt ansieht. Er lässt davon nicht. Als guter Hirte ist er es, der mit uns durchs Leben geht, so dass unsere vermeintlichen Alleingänge doch nur immer wieder nach Hause führen. »Ich gebe ihnen das ewige Leben« – der Horizont des Predigttextes reicht über unser Erdenleben hinaus. Uns ist ein Ziel gesetzt, das ist die Botschaft.

Schließlich gipfelt der Text in der Aussage Jesu: Ich und der Vater sind eins. Vorhin haben wir das im Glaubensbekenntnis ausgesprochen. Jesus nimmt die Gottesbilder des Alten Testaments auf, zieht den roten Faden vom ersten Buch der Bibel bis in seine Gegenwart. »Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.« Damit wird deutlich, dass Gottes Bund mit Israel in Jesus Christus erweitert worden ist, dass wir hinzugekommen sind, denn die Schafe aus anderem Stall sind wir.

Christus der wahre Hirte – es ist ein bemerkenswertes Bild, das dort im Johannesevangelium überliefert wird. In einer Zeit, in der Emanzipation, Individualität und Selbstbestimmung als Selbstverständlichkeiten postuliert werden – auch wenn das erst seit kaum vierzig Jahren so ist – erscheint das Bild vom Hirten und den Schafen, die sich von ihm weiden lassen, ein Stück weit als Provokation.

Lassen wir uns provozieren und eine eigene Meinung dazu finden, wer Jesus Christus für uns ist! Wo wir dafür offen sind, werden wir erleben, dass er mit uns durchs Leben geht und uns nicht verloren sein lässt.

Ein Nachtrag:

Der Maler Pieter Bruegel (1525–1569) wurde auch »Bauern-Bruegel« genannt, weil er aus einer Bauernfamilie stammte und auf vielen seiner Bilder das dörfliche Leben dargestellt hat. Als er als Künstler weltberühmt war, wurde er auf einer großen und vornehmen Festlichkeit in Brüssel von einem Edelmann spöttisch gefragt: »Herr Bruegel, tut es Ihnen nicht manchmal weh, dass Sie eine so entsetzliche Jugendzeit erleben mussten? Ich hörte, dass Sie Jahre hindurch nur stumpfsinnige Schafe hüten mussten?« Bruegel sah den Spötter scharf an und entgegnete ihm: »Wissen Sie, bei den Schafen, da lernt man das Leben, und vor allem erkenne ich seitdem jeden Schafskopf auf den ersten Blick!«

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.