Predigt über Johannes 15,1–8

Liebe Gemeinde, es ist doch Schade, dass wir in keiner Weingegend wohnen. Wäre dem so, würde anstelle des vielen Regens die Sonne häufiger scheinen – ich hätte nichts dagegen. Wenn bei uns Weinberge wären, dann würde uns der Predigttext auch sehr viel deutlicher vor Augen stehen, denn darin geht es um einen Weinberg. Als »nassgeregnete Kölschtrinker« müssen wir uns diesen Versen jedenfalls anders nähern.

Weinberg. Flickr: hmboo

Dieser Weinberg, den wir da sehen, löste bei mir eine interessante Assoziation aus: ich dachte an das Gleichnis von den mörderischen Weingärtnern, die den Sohn des Besitzers umbrachten – darum geht es jetzt allerdings nicht.

Dieser Weinberg, er ist beinahe ein kleiner Garten Eden für sich – ein klar umgrenzter Lebensraum. Unten im Bild ist die schützende Mauer. »Herzöglicher Weinberg« steht auf dem Schild, so dass klar ist, wer da der Eigentümer ist. Und dann ziehen sich die Rebstöcke schier bis zum Himmel empor.

Der Predigttext »ereignet« sich sozusagen in einem Weinberg. Jesus Christus nimmt dieses damals allen geläufige Bild auf. Ich lese den Predigttext aus Johannes 15:

Johannes 15,1-8 (Jesus Christus spricht:) 1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Liebe Gemeinde, Jesus zeichnet die Welt in diesem Bildwort schwarz-weiß. Die Zwischentöne oder nur ein wenig grau – alles das lässt er weg. Er reduziert seine Aussage auf das absolute Minimum, so dass sein Anliegen durch diesen rhetorischen Kunstgriff ganz deutlich, ja: unmissverständlich wird.

Der »Gärtner« ist Gott – so passt das Schild mit der Aufschrift »Herzöglicher Weinberg« gut. Gott, ihm gehört das Ganze. Damit ist dann auch klar, was der Weinberg in diesen Versen sein soll: er steht für diese Welt, für unseren Lebensraum.

Der Rebstock, an dem die Reben mit den Trauben hängen – Jesus Christus identifiziert sich selbst damit. Er sagt: »Ich bin der wahre Weinstock« – es gibt also auch noch andere »Rebstöcke«; im Bild sehen wir gleich mehrere hundert.

Diese anderen Rebstöcke, die nicht die wahren sind: das kann vieles sein. Gemeint ist doch wohl das, an dem wir uns festmachen, von dem wir unsere Sicherheit beziehen. Das können Partner sein, aber auch Vermögen, Ansehehen, Aussehen, und die diversen Star-Sendungen im Fernsehen zeigen, wie sehr die Illusion von Berühmtheit junge Menschen anlockt wie der Honig die Bären.

Woran mache ich mich eigentlich fest? Das ist doch die Frage, auf die uns dieser Predigttext mit der Nase stößt. Was sind meine Fixpunkte im Leben, um die herum ich mich gut eingerichtet habe?

Fakt ist: es gibt auch in unserem Leben, wenn wir wie die Reben sind, falsche »Weinstöcke« und wir sind gut beraten, Augen und Herzen offen zu halten, damit wir erkennen, was kein guter Halt für uns ist.

Jesus Christus sagt von sich: ich bin der wahre Weinstock – wer sich an mir festmacht, baut nicht auf Sand, setzt nicht auf’s falsche Pferd, sondern kann eine echte, tragfähige Grundlage im Leben finden.

Rebe. Flickr: Miala

Durch unsere Taufe sind wir mit Jesus Christus verbunden. Um im Bild des Predigttextes zu bleiben: Wir sind die »Reben« – wenngleich es ein menschlicher Trieb zu sein scheint, lieber der »Weingärtner« als eine »Rebe« sein zu wollen.

Eine Rebe, die Frucht bringt, wird der Weingärtner reinigen, damit sie noch mehr Frucht bringe, sagt Christus. Doch was ist das, »Frucht«? Was ist denn damit gemeint? Ein Leistungsgedanke, so in der Art wie: wer geht am meisten in die Kirche? Doch nein, das ist nicht gemeint.

Unser »Frucht bringen« gründet in unserem Verhalten, in der Liebe, die wir gegenüber Gott und unseren Nächsten aufbringen. Paulus skizziert das so:

Wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. 4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit. (1. Kor 13,2-6)

Diese Liebe aufzubringen braucht es eine sprudelnde Quelle. Oder, mit dem Bild des Textes, einen starken Weinstock. »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun« sagt Christus.

Knospe. Flickr: bby_

Die Verheißung ist, dass wir unsere Kraft aus Gott beziehen können. Dieser Weinstock, an dem wir hängen, gibt uns, was wir brauchen. »Bleibt in mir und ich in euch«, hören wir im Text.

Da heraus kann dann etwas entstehen, klein anfangen, doch aufwachsen. Auch wir erleben oft, dass unser Glaube klein ist und dass es im Alltag oft wenig herzlich her geht. ‚Mit meiner Hilfe werdet ihr viel Frucht bringen‘ hören wir im Text. Jesus erinnert uns daran, dass er uns das Notwendige gibt, das uns zu seinem verlängerten Arm macht.

Mehltau. Flickr: das_butzele

Schließlich hören wir im Text immer wieder von den Gefährdungen, denen wir unterliegen. Die Reben werden gereinigt, damit sie stark werden. Im Bild sehen wir Mehltau, der einen Rebstock befallen hat. Er lässt die Reben vertrocknen und abfallen.

Auch wir erleben immer wieder Umstände, die uns den Glauben schwächen wie der Mehltau die Trauben schwächt. Rückschläge, Routine, Sorgen, Krankheit, Langeweile, … es gibt vieles über diese paar Beispiele hinaus, das uns anficht. Oder, wenn wir wie die Trauben sind, was uns den Glauben wie mit einer Kruste überzieht.

Jesus sagt: »Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe«. Wo wir uns auf ihn besinnen, können wir neue Kraft finden. Die Kraft zum Glauben können wir immer wieder finden.

Dem Evangelisten Johannes, in dessen Evangelium der Predigttext steht, ist eines ganz wichtig: dass Jesus Christus selbst dieses personifizierte Wort Gottes, sein Ja zu uns, ist. Von Martin Luther wird berichtet, dass er oftmals niedergeschlagen war. Er soll dann mit der Faust auf den Tisch gehauen und gesagt haben: »Ich bin getauft!«

In der Taufe sind wir mit Jesus Christus, Gottes Wort, verbunden worden – wir haben bekommen, was es braucht, unseren »Mehltau« los zu werden. Wo wir uns auf Christus besinnen, werden wir neue Kraft bekommen, weil er es ist, der sie uns immer wieder gerne gibt.

Vielleicht erleben wir ja, dass wir zu gutem Ziel finden, wo wir mit diesem Jesus Christus unterwegs sind. Daran kann uns unsere Taufe immer wieder erinnern – dass Gott uns nicht allein lässt, auch wenn wir ihn oft aus den Augen verlieren.

Im Predigttext haben wir auch einige erschreckende Bilder gehört, von Feuer und Vernichtung. Im Mittelalter wären dies sicherlich beliebte Predigtschwerpunkte geworden, doch heute möchte ich dazu nicht viel sagen.

Die Motive in dieser Rede zeichnet Jesus mit Absicht schwarz-weiß. Und sicherlich ist es auch so, dass es da, wo wir fern von Gott sind, eher dunkel in unserem Leben ist und wir das Licht der Hoffnung verlieren.

Rebe. Flickr: Miala Christus macht deutlich, dass wir mit ihm in Beziehung stehen sollen. Die Taufe ist ein wichtiger Anfangspunkt; sie steht doch dafür, dass an uns alles abgewaschen ist, was uns von Gott trennt.

Die Weinrebe im Bild besteht aus vielen Trauben. Lassen Sie uns dieses Bild noch einmal auf uns übertragen. Unsere Gemeinde ist doch auch so eine Rebe am Weinstock Jesus Christus. Nutzen wir diese Gemeinschaft immer wieder, uns auf das zu besinnen, was wir glauben und was uns wirklich tragen kann.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.