Predigt über Markus 8,31–38

thumbnail for this post

Liebe Gemeinde, ein Ballon am Himmel – das hat nichts mit Karneval zu tun. So ein Ballon hat etwas Majestätisches. Wer darin mitfährt, steht abgehoben über den Dingen, ist frei. Nur noch der offene Himmel ist über einem, und der Wind bringt einen vorwärts.

Frei sein, das wollen wir alle. Und eigentlich sind wir das ja auch, Deutschland ist ja nicht China. Und doch: es gibt Dinge, Umstände, in denen wir unfrei sind. Ich meine: ein Umstand, in dem wir mancherorts nicht mehr wirklich frei sind, ist unseren Glauben leben zu dürfen. Glaube, das ist in unserer Zeit etwas, das in die Privatsphäre verlagert ist, das als Gesprächsthema gemieden wird. Glaube führt ein Nischendasein; und wäre Glaube ein Ballon, müsste man sagen: da ist die Luft raus.

Im Predigttext aus Markus 8 hören wir, dass Jesus frei auftrat, Gottes Wort zu sprechen.

Mk 8,31–38 Und Jesus fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 3Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Das Ballonbild strahlt Freiheit aus. Im Text hörten wir: Jesus trat auch frei auf. Doch die Botschaft, die gefiel nicht. So ist es dann auch kein Wunder, dass Jesus seinen Tod ankündigt – dass die Menschen Anstoß an ihm nehmen würden, ihn umbrächten.

Als Petrus ihn darauf anspricht, sagt Jesus etwas später: Wer mir nachfolgen will, wird es nicht einfach haben.

Wir kennen das. Vieles hindert uns, Christus nachzufolgen. Vieles lässt uns zögern oder stehenbleiben. Vielleicht sogar umdrehen.

Bild 2: Ballons am Boden beim Anfeuern

Wechseln wir die Perspektive. Ballons am Boden. Die Brenner sind an. Der Auftrieb wir immer stärker. Nur noch die Seile halten die startbereiten Ballons am Boden fest.

Kennen Sie das? Dass Sie innerlich bereit sind für einen Aufbruch, aber dass etwas Sie wie ein Seil hindert, zu starten?

Vieles fesselt uns im Alltag:

  • Das kann der Terminkalender sein, der randvoll mit Aufgaben geschrieben ist.
  • Das kann die Arbeit sein, Termindruck und Hetze. Oder, wie dieser Tage bei vielen Firmen, die Kurzarbeit, die einem umgekehrt mehr Zeit beschert als einem lieb ist, doch mit der bangen Frage gepaart ist, was werden wird.
  • Das kann der Gesundheitszustand sein, der plötzlich zum alles beherrschenden Thema wird, an dem man schier verzweifeln könnte.

Was fesselt Sie? Wovon würden Sie sich gerne frei machen?

Am Aschermittwoch beginnt die Passionszeit, die Vorbereitung auf Ostern. Im Predigttext ist es schon angeklungen, was da Thema ist. Christus kündigt seine Verwerfung und Tod an.

In der Passionszeit geht es mit dem alten Brauch zu fasten doch darum, Fesseln abzustreifen, um sich auf das Eigentliche des Lebens zu besinnen. Insofern passt dieses Bild der im Start begriffenen Ballons so gut zum Thema dieses Sonntags.

Wovon will ich frei werden? Viele Menschen nutzen die Passionszeit unter dem Motto »Sieben Wochen ohne« dazu, auf allzu lieb Gewonnenes zu verzichten: bin ich noch ohne Kaffee morgens betriebsfähig? Kann ich einschlafen, auch ohne ein Bier am Fernsehen zu trinken? Ist es möglich, die Zigaretten bis Ostern im Automaten zu lassen? Kann mein Leben noch offline funktionieren?

Die Passionszeit sind sieben Wochen, in denen wir unseren Alltag prüfen können, ob er uns nicht in Wirklichkeit an der ein oder anderen Stelle zur Fessel geworden ist.

Wie die Ballons können wir uns wieder startbereit machen, überflüssigen Ballast abstreifen.

Auch für unseren Glauben kann die Passionszeit eine Aufbruchszeit sein. Wir können mitgehen, in den Passionsandachten zum Beispiel, und können auch in die Niederungen schauen. Auch unsere eigenen Niederungen ausmachen, die uns hindern, Jesus Christus nachzufolgen.

Die Passionszeit kann für uns wie eine neue Vorbereitung sein, in die Nachfolge zu starten.

Bild 3: ein großer Ballon, im Hintergrund viele kleine

Wo wir uns erneut aufmachen, können wir etwas Wichtiges entdecken: wir sind nicht allein auf dem Weg. So wie Jesus schon Jüngerinnen und Jünger hatte – Menschen, die mit ihm sein wollten – so sind wir doch auch in einer großen Gemeinschaft.

»Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach« – wir sind heute Morgen unter dem Kreuz versammelt. Einst das Symbol für die Macht der Römer, als Herren der Welt Leben nehmen zu können, ist es uns ein Hoffnungszeichen geworden. Kreuz, das heißt Aufbruch geschehen zu lassen, Aufbruch ins Land des Glaubens.

Jesus rief damals »das ganze Volk samt seinen Jüngern« (V. 34), dass sie ihm nachfolgen sollten. Wir sind als Gemeinde immer wieder herausgefordert, in dieser Nachfolge zu bleiben.

Gemeinde soll immer ein Ort der Begegnung sein, der Begegnung mit Gott und der Begegnung miteinander. Gemeinde soll auch der Ort sein, an der wir immer wieder Impulse bekommen und Gedanken für unsere je eigene Nachfolge austauschen.

»Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?« (V. 36) fragt Jesus. Unsere Gemeinde ist für unser Glaubensleben eine Stütze, die uns vor Schaden bewahrt.

Bild 4: Eine Traube aus Luftballons

Schritte mit Gott zu gehen, nachzufolgen – das fängt ganz klein an, so wie man ja auch nicht gleich mit einem Heißluftballon aufsteigen muss. Am Anfang tut’s auch ein kleiner Ballon am Band.

Auch im Glauben müssen wir nicht gleich die ganze Welt zu gewinnen versuchen. Glaube beginnt klein, ist auch angefochten und selten ohne Zweifel.

Nachfolgen heißt, sich seines eigenen Glaubens bewusst zu sein. Ihn zu hinterfragen. Was ist denn ein Glaube, der nie hinterfragt wird, nie geprüft wird? Eine Konserve oder eine leere Behauptung.

Glaube ist gelebte Nachfolge. Glaube schaut immer nur ein kleines Stück des Wegs voraus, findet seine Prüfmarken in der Rückschau, im Blick auf das Logbuch unseres Lebens, die Erinnerung.

Wer viel Erfahrung mit Gott gemacht hat, der hat irgendwann genügend Glauben, doch zuerst einmal heißt es, klein anzufangen und nicht die ganze Welt zu gewinnen.

Um Nachfolgen zu können, müssen wir frei werden von allem, was uns den Glauben hindert. Dazu gehört, sich in allem Stress, den Sorgen, allem Regelungsbedarfs immer wieder Ruhe zu gönnen. Die Seele baumeln zu lassen, neue Kraft zu finden, wieder Heil zu werden.

Wo wir es schaffen, loszulassen und uns in der Ruhe auf Gott zu besinnen, da werden wir entdecken, dass wir bei ihm neue Kraft finden können.

Das wusste schon der Prophet Jesaja, der überliefert: »Jes 40,29–31 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.«

Um Christus nachzufolgen, sind kleine Schritte notwendig. Rast machen können wir in der Gemeinde und in der Begegnung mit Gott und untereinander neue Kraft finden.

Ein großer Lastwagen, der durch eine Unterführung in der Nähe einer kleinen Stadt im Westen fahren wollte, wurde unter der zu niedrigen Durchfahrt eingeklemmt. Das Unfallkommando wurde benachrichtigt und versuchte vergeblich, den Lastwagen freizumachen. In kurzer Zeit lag der gesamte Verkehr auf beiden Seiten der Unterführung still. Schließlich ging ein kleiner Junge, der mit Interesse den Vorgang verfolgt hatte, zum Leiter des Unfallkommandos und sagte: »Willst du wissen, wie ihr ihn losbekommt?« Der Mann sah ihn verwundert an. »Du hast dir wohl alles richtig überlegt, was?« »Klar«, war die schnelle Antwort, »ich würde etwas Luft aus den Reifen lassen.« Der Vorschlag half, und bald konnte der Lastwagen seine Fahrt fortsetzen.

Es gibt Dinge, die lassen uns im Leben und in der Nachfolge stecken bleiben. Und oftmals rudern, arbeiten, placken wir so hart daran, wieder flott zu werden, dass wir das Naheliegende übersehen: erst einmal innezuhalten, zu schauen, »wo der Schuh drückt« und dann mit neuer Energie an die Lösung zu gehen.

Wo wir uns Zeit nehmen und uns auf Gott besinnen, da können wir bald aus jedem Problem »die Luft lassen«. Auch dies beginnt im Kleinen, und auch in der Nachfolge sind es die kleinen Schritte, die uns Gott oft näher bringen als der Sprint. Nachfolge gelingt nur, wenn wir an Gott bleiben. Wenn wir zu schnell nachfolgen, dann verlieren wir nur Gott und uns selbst aus den Augen.

Wenn nun mit Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt, dann können wir uns auf das besinnen, was uns in der Nachfolge behindert. Wir können innehalten und dann langsam und mit neuer Kraft Schritte gehen, Schritte mit Gott durch unser Leben.

Jesaja sprach von Adlerschwingen, Jesus erwähnte im Predigttext die Engel und an der Leinwand haben wir jede Menge Ballons gesehen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser Zeit Mut finden, innezuhalten, Ihren Glauben zu hinterfragen. Zurückzublicken und festzustellen, wo sie vielleicht steckengeblieben sind. Ich wünsche Ihnen, dass Sie bei Gott neue Kraft finden, Glaube und Nachfolge zu wagen – immer wieder auf’s Neue. Wir müssen nicht gleich in die Luft gehen und die ganze Welt gewinnen – es genügt, wenn wir uns von Gott gewinnen lassen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: Folgen, Leben mit Jesus hat Folgen