Predigt über Lukas 2,22–35

Liebe Gemeinde, kennen Sie das Sprichwort »Neapel sehen und sterben«? Das ist wohl eine Variation von »Zum Sterben schön« und soll ausdrücken: viel mehr, viel besser, viel schöner, viel beglückender geht es nicht mehr; der Gipfel ist erreicht und darüber nur noch freier Himmel.

Wir alle haben schon Erlebnisse gehabt, in denen es uns so gegangen ist und wir bei uns dachten »ach Augenblick verweile, du bist so schön …«.

Im Predigttext heute morgen hören wir, wie Maria und Joseph sich mit dem kleinen Jesus in den Tempel nach Jerusalem begaben. Dort begegneten sie zwei Menschen, denen diese Begegnung das Erlebnis ihres Lebens war. Ich lese aus Kapitel zwei des Lukas-Evangeliums:

Lk 2,22–23a.25–35 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn … Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der heilige Geist war mit ihm. Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

Liebe Gemeinde, nun sind die Tage des Weihnachtsfestes vorbei. Vielleicht waren gestern schon die Ersten unter uns auf Umtauschtour oder haben nach den Festtagen den Sonnenschein draußen, außerhalb der Wohnung genossen.

Der alte Simeon, ihm ist in dieser Begegnung sozusagen auch die Sonne in dunklem Land aufgegangen. Er hatte gewartet, hatte Ausschau gehalten und sein Leben war ein einziger Advent gewesen – ein Warten auf die Ankunft des Messias. Gottes Heiliger Geist hatte ihm verheißen, dass ihm den zu sehen noch vergönnt sei – dass er das noch erleben werde. Und nun war es soweit!

Lassen Sie uns davon singen, wie Simeon sich vielleicht gefühlt hat! Singen wir die Strophen 3+4 des Liedes eg 37 Ich steh an deiner Krippen hier.

  1. Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht, wie schön sind deine Strahlen!

  2. Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen!

Für Simeon war der Advent vorüber gegangen, war es Weihnachten geworden. Der, auf den er so sehnsüchtig gewartet hatte – er war gekommen. Staunend blickte der alte Mann auf das kleine Kind, das erst eine Woche alt war.

Und doch – das erkannte er: dieses Kind war anders als andere Kinder. »Er ist ein Zeichen, dem widersprochen wird« prophezeite er. Und so ist es gekommen: an Jesus Christus scheiden sich auch heute noch die Geister.

Simeon – er nahm das Christkind auf die Arme, herzte es und sagte: »Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern.«

Singen wir die Strophen 1+12 des Liedes eg 36 Fröhlich soll mein Herze springen.

  1. Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen. Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren!

  2. Ich will dich mit Fleiß bewahren; ich will dir leben hier, dir will ich hinfahren; mit dir will ich endlich schweben voller Freud ohne Zeit dort im andern Leben.

»Neapel sehen und sterben« – für Simeon war dies die wichtigste Begegnung seines Lebens, etwas, das nicht mehr übertreffbar war. Ja, er hatte Weihnachten erlebt und das größte Geschenk bekommen, das nur Gott uns allen machen konnte.

Heute nun blicken wir zurück auf den Advent und das Weihnachtsfest, das wir erlebt haben. Noch ganz frisch sind Gedanken, Gespräche und Erlebnisse; das Singen unter dem Weihnachtsbaum, das Tauschen der Geschenke und das gute Essen.

Haben wir diese Zeit ebenso erlebt wie Simeon? War es für uns eine besondere Zeit, eine Zeit der Freude, der Ruhe und Besinnung, eine Zeit der Begegnung mit Gott?

Sicherlich haben viele unter uns diese Zeit anders erlebt, als eine Zeit der Weihnachtsfeiern und der besonderen Hektik. Eine Zeit, in der so vieles zusätzlich vorzubereiten, zu besorgen, zu kochen, zu backen und zu schmücken ist.

Das ist die eine Seite von Weihnachten, die Simeon wohl gar nicht verstünde, würde er es heute erleben: dass wir machen und tun und auf eine warme Atmosphäre bedacht sind, die unser Herz so oft gar nicht erreicht. Denn eigentlich ist die Weihnachtszeit durch viele Aktivitäten heutzutage eine unruhige Zeit, in der wir regelrecht umgetrieben sind.

Die Besinnung auf das Eigentliche der Weihnacht wird uns so oftmals verstellt. Lassen Sie uns dieses Eigentliche noch einmal bedenken. Singen wir die Strophen 1+5 des Liedes eg 47,1.5 Freu dich Erd und Sternenzelt.

  1. Freu dich, Erd und Sternenzelt, Halleluja, Gottes Sohn kam in die Welt, Halleluja. Uns zum Heil erkoren, ward er heut geboren, heute uns geboren.

  2. Ehr sei Gott im höchsten Thron, Halleluja, der uns schenkt sein‘ lieben Sohn, Halleluja. Uns zum Heil erkoren, ward er heut geboren, heute uns geboren.

Simeon hat an diesem ersten Weihnachten die Bedeutung erfasst. So anders als wir hatte er eine lange Adventszeit gehabt, eine lange Zeit des Erwartens und sich Freuen, dass Gott käme. Kein Rummel hat ihm dieses zu einer Nebensache gemacht – das hatte er uns voraus.

Und dann war es soweit. Simeon begegnete Christus, der noch ganz in den Startlöchern des Lebens stand. Doch das war Simeon klar: In Christus begegnete er Gott selbst. Für ihn war es der Höhepunkt seines Lebens.

Wie ist das bei uns? Wie, als was haben wir dieses Weihnachtsfest 2008 erlebt? War das eine Zeit der Begegnung mit Gott? Oder war es, wie alle Jahre wieder, eine Zeit voller Gedanken, Besorgungen, des Vorbereitens und dann des Feierns, in der es auch um Gott ging, aber eben zuerst um das ganze Drumherum?

Beides gehört heutzutage wohl kaum trennbar zusammen. Und schließlich soll dieses Drumherum doch auch dazu dienen, die Freude über Gottes Kommen in unser Leben sichtbar auszudrücken.

Doch manchmal ist es so, dass man vor lauter Sahne die Torte nicht mehr sieht, dass das Eigentliche von Weihnachten in den Hintergrund gerät.

Weihnachten kam Gott ganz unscheinbar in die Welt, um sie doch schon ganz grundlegend zu verwandeln. Er errichtete keinen Weihnachtsmarkt um den Stall. Es gab keinen Glühweinstand, keine drei Tage des Essens, keine zweieinhalb Kilo Weihnachtsprospekte im Vorfeld und keine Überdosis Familie, die man den Rest des Jahres über kaum sieht.

Stattdessen gab es ein kleines Kind, das sich anschickte, Heiland für unser Leben zu werden – ganz unscheinbar und doch ganz unübersehbar. Es will nur eines: einen Platz in unserem Herzen. Wo wir Christus im Herzen haben, da wird Weihnachten zu einem Teil unseres Lebens und die Welt beginnt sich zu verändern.

Vielleicht nehmen Sie sich heute Nachmittag ein wenig Zeit und bedenken: was bedeutet dieses Weihnachtsfest eigentlich für mich? Wo sehe ich dabei den Schwerpunkt, und was davon betrifft mich und mein Leben so ganz bis ins Innerste?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 30 Es ist ein Ros entsprungen