Predigt über Lukas 21,25–33

Liebe Gemeinde, nun ist schon der zweite Advent und ich habe noch immer kein einziges Weihnachtsgeschenk gekauft! Geschweige denn gebastelt. Geht Ihnen das auch so? Es sind doch nur noch 17 Tage!

Im heutigen Predigttext geht es auch um das, was bevorsteht, was genau so wie Weihnachten kommen wird. Ich lese den Predigttext aus Kapitel 21 des Lukasevangeliums:

Lk 21,25–33 25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.

Liebe Gemeinde, hier wird etwas anderes angekündigt als, alle Jahre wieder, das Weihnachtsfest. Hier geht es nicht darum, dass Gottes Sohn als kleines Baby in einem Stall zur Welt kommt, hier geht es darum, dass Jesus Christus als eine der drei Personen Gottes am Ende der Zeiten wiederkommen und die Welt erneuern wird.

Die Bildwelt des Predigttext ist freilich eher dazu angetan, dass einem beim Hören ein Schauder über den Rücken läuft. Da ist kein adventliches Aneinanderkuscheln und sich vorfreuen. Wir hören vom Bange sein, von Verzagen, Brausen, Vergehen, Furcht und Wanken. Kurz gesagt: das Angst machende überwiegt in diesem Text, bis in die Wahl der verwendeten Worte hinein.

Und noch bedenklicher: da wird von einer ganzen Menge Zeichen gesprochen, die das Ende der Welt – denn darum geht es im Predigttext – ankündigen. Sollen wir nun alle beginnen, uns mit Horoskopen, Astrologie oder anderen Schwindeleien zu beschäftigen? Sollte das die Pointe des Predigttextes sein, Angst und Scharlatanerie?

Mich erinnert das an die Zeugen Jehovas, die in der Vergangenheit schon mehrfach alles Hab und Gut verkauft haben, weil ihre Berechnungen, wann das Weltende komme, den Zeitpunkt in der jeweiligen Gegenwart auswiesen. Mittlerweile rechnen die Zeugen Jehovas nicht mehr, nachdem sie damit zweimal kräftig daneben gelegen haben…

»Die Kräfte der Himmel werden ins Wanken geraten…« (V. 26) heißt es im Predigttext. Nun leben wir in einer Zeit, in der das Wort »Klimakatastrophe« in aller Munde ist. Der Himmel ist ins Wanken geraten. Wir wissen, dass unser Klima sich verschieben wird und können die Folgen kaum absehen. Und einer der größten Produzenten an Treibhausgasen, China, produziert diese Gase immer noch zunehmend, weil wir aus den westlichen Ländern einen Großteil der Produktion dorthin verlagert haben – letztlich ist es unser Wunsch nach billigen Produkten, der zu einem Großteil die fortwährende Produktion von Klimakillern bedingt … Das Problem ist hausgemacht.

Der Predigttext spricht, so wie er das Weltende schildert, letztlich auch von einer Katastrophe. Doch bei allem Wanken, Vergehen usw. ist eines enthalten: dass es Gottes Sohn, Jesus Christus ist, der da kommen wird. Jetzt im Advent erinnern wir uns: er ist schon einmal gekommen, damit wir zu Gott kommen können. Im Heiligen Geist ist er unter uns, begegnet uns, schenkt uns Glauben, Kraft und Vertrauen.

»Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht« sagt er. Komme was da wolle: es gibt etwas Bleibendes, etwas Festes, etwas Beständiges in dieser Welt und allem auf und ab. Gottes Wort, Jesus Christus ist es.

Im Bild des Chaos’ und der Erneuerung der Schöpfung ist dabei auch etwas anderes enthalten. Dieses Bild ist ja gar nicht so neu. Wenn wir im Ersten Mosebuch Genesis von der Schöpfung der Welt lesen, dann steht da:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Die Erde war wüst und leer … im hebräischen Grundtext bezeichnet das Wort, das dafür steht, das Chaos. Im Rückbezug auf Gottes erste Schöpfung, wie auch immer sich das zugetragen haben mag, erkennen wir: Gott ist es, der einst aus dem Nichts des Chaos alles geschaffen hat. Er ist es, der es am Ende der Zeiten erneuern wird, der es vervollkommnen wird.

Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht – Jesus Christus ist das alles Überdauernde. In ihm sind wir mit Gott verbunden, an ihm können wir in einer chaotischen Welt Halt finden. Worin dieses Chaos hier und heute besteht, das wissen wir alle. Wir alle schleppen an unseren Päckchen, sei das die Sorge um die Kinder, um einen lieben Menschen in schwerer Krankheit, sei es die Sorge um den Arbeitsplatz oder der Schmerz einer Trennung. Diese Auflistung wird jede, jeder unter uns selbst ergänzen können.

Und darin liegt die Brisanz dieses so fremd, so unadventlich klingenden Predigttextes: dass er einen Bogen von der einstigen Schöpfung in die kommende Erneuerung schlägt, sich aber an uns hier und heute richtet. In allem Chaos, das uns jetzt an der einen oder anderen Stelle im Leben betrifft erinnern uns diese Worte daran, dass Gott uns in Jesus Christus festen Grund unter die Füße gegeben hat, allem Wanken zum Trotz.

Doch was machen wir damit, und was sagt uns das, dass Christus unser Halt sein will? Axel Kühner erzählt folgende Geschichte:

Ein Mann stürzte von einer Klippe in eine tiefe Schlucht. Beim Absturz konnte er sich gerade noch an einem Zweig festhalten. Dort hing er über der dreihundert Meter tiefen Schlucht. Voller Angst sah er den winzigen Zweig, den riesigen Abgrund und spürte, wie seine Kräfte nachließen. In seiner Todesangst schrie er zu Gott. »Gott, wenn es dich gibt, rette mich, und ich will an dich glauben!« Nach einer Weile hörte er eine mächtige Stimme durch die Schlucht dröhnen: »Das sagen alle Menschen, wenn sie in großer Not sind.« – »Nein, Gott«, rief der Mann, »ich bin nicht wie die anderen, ich will wirklich an dich glauben; hilf mir doch bitte!« – »Gut, ich werde dich retten«, ertönte die Stimme, »lass den Zweig los, ich werde dich auffangen und bewahren!« – »Den Zweig loslassen? Bin ich verrückt?«, schrie der verzweifelte Mann.

Eine Geschichte zum Schmunzeln. Und doch, etwas Wahrheit findet sich darin: auch uns geht in allem Auf und Ab des Lebens die Frage nach der Wirklichkeit Gottes immer wieder an, die Frage nach seiner Bedeutung für uns in unserem Leben. Mit der Geschichte gefragt: lassen wir den Zweig los und vertrauen auf Gott? Oder ist es nicht irgendwie einfacher, an ein höheres Wesen zu glauben, dass es gut mit uns meint, aber so richtig nichts mit uns zu tun hat?

Liebe Gemeinde, Advent – die Erinnerung an Gottes Ankunft in der Welt, diese Zeit kann für uns eine Zeit der Neubesinnung sein. Viele Menschen jammern dieser Tage – zum Teil ganz berechtigt, wie sehr alles den Bach runter geht. 2009 gar soll ein Jahr der schlimmsten Wirtschaftsprobleme seit langem werden.

Der Predigttext erinnert uns: in allem Chaos des Lebens, des Alltags, der Vergangenheit und Zukunft gibt es einen Fixpunkt, einen Hort der Ruhe, an dem wir Halt finden können: Jesus Christus. Freilich: ihn als unseren Halt zu gebrauchen heißt auch, andere Haltpunkte loszulassen. Auch wir haben wie der Mann in der Geschichte unsere Zweiglein, an denen wir uns festklammern. Es sind vielleicht unsere Partnerinnen und Partner, die lange Firmenzugehörigkeit, die guten Freundinnen und Freunde, unser Sparbuch, die Gesundheitsvorsorge, und noch vieles andere mehr …

Nutzen Sie den Advent, sich auf das zu besinnen, was Ihr Leben wirklich tragen kann und was langfristig eben doch nur auf Zeit Halt geben kann. Und dann greifen Sie zu.

Und zuletzt: auch die Bibel gibt keine genaue Auskunft, wann dieses Ende der Zeiten gekommen sein wird. Doch in Jesus Christus können wir schon jetzt wirklichen Halt finden, auch wenn für die letzten Dinge gilt:

Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, allein der Vater. — Mk 13,32

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.