Predigt über 2. Korinther 5,1–10

Liebe Gemeinde, haben Sie zu Hause eigentlich einen IKEA-Katalog? Gelegentlich kommen ja mit der Werbung Einrichtungskataloge ins Haus oder auch nur eine Beilage zur Tageszeitung mit diversen Möbeln, Lampen, Sofakissen usw. …

Manchmal macht es Freude, in so etwas zu Blättern. Unser Heim soll ja schön sein, wie eine kleine Oase. Die Briten sagen: My home is my castle – Mein Zuhause ist meine Burg. Oder doch lieber: Schloss; durch die Schießscharten zieht’s ja wie Hechtsuppe.

Im Predigttext geht es auch um »Baufragen«. Der Apostel Paulus schreibt folgendes im Zweiten Korintherbrief, Kapitel fünf:

2. Kor 5,1–10 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen. Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

Für die Ewigkeit gebaut?

Liebe Gemeinde, es ist ein anspruchsvolles Stück Brief, dass Paulus da an die Korinther geschrieben hat. Um »Haus«, um »Bau« geht es, doch wir merken: das ist nur eine Metapher, ein Bild für unser Leben.

Paulus vergleicht unser Leben mit einem Haus und stellt fest: Dieses »Haus« ist nicht für die Ewigkeit. Er nennt es »unser irdisches Haus« und verbessert sich, nennt es »Hütte«.

Dies ist ein Thema, das für viele Menschen keines ist: Warum sollte ich mich damit auseinandersetzen, dass mein Leben nicht für die Ewigkeit ist, sondern dass ich, wenn ich älter werde, auch Möglichkeiten einbüße und die Gesundheit abnehmen wird?

Vielen Menschen fällt es schwer, diese elementare und augenscheinliche Wahrheit auch nur zu bedenken – es ist ein Thema, dass so mancher, so manchem, angst und bange werden lässt. Und doch: Die Feiertage in dieser düsteren, nasser und kälter werdenden Jahreszeit im ausklingenden Kirchenjahr befassen sich mit diesem Thema.

Paulus spricht es im Predigttext an und bemerkt ganz richtig: »… Darum seufzen wir auch …« »… Solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert …«

Er bemerkt, dass es manchmal nicht leicht ist, auf dieser Erde zu leben. Wir alle wissen um Situationen, in denen wir auch lieber ganz woanders gewesen wären. In unseren Träumen wünschen wir uns ein Leben, das jenseits aller Routine, Probleme oder Langeweile verläuft und einfach nur schön ist.

Warum sind wir Deutschen wohl Weltmeister im Verreisen? Warum sehen wir Fernsehen, lesen Bücher, spielen Spiele, sichten Kataloge, gehen Shoppen? Doch auch, weil es willkommene Abwechslungen vom Alltag sind und eine Möglichkeit, Sehnsüchte auszuleben.

Kennen Sie Ihre Sehnsüchte? Geben Sie sie vor sich selbst zu?

Paulus schreibt von unserer Sehnsucht nach mehr, nach einem anderen Leben. Aber er entflieht dabei nicht der Realität. Er flüchtet sich nicht in die Vergangenheit oder eine vermeintliche Idylle wie in Zeiten, als angeblich alles besser war, die Menschen freundlicher, die Arbeit mehr Freude machte und die Nachbarn noch grüßten. Wir alle kennen solche Sätze, haben sie schon gehört, vielleicht sogar schon selbst ausgesprochen.

Was kommen wird

Paulus blickt nicht zurück und erstarrt wie Lots Frau (vgl. 1. Mo/Gen 19). Er blickt nach vorne aus, setzt auf das, was jetzt noch wie hinter dem Horizont ist, aber einst in Blick kommen wird. Er schreibt:

»Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.«

Das ist seine Hoffnung, das ist die Verheißung, die wir in der Taufe empfangen haben: Dass da mehr ist als nur dieses Leben, das manchmal alles andere als erquicklich sein kann.

Dem Bild der Hütte stellt er das eines von Gott erbauten Hauses gegenüber, unserem vergänglichen Leben ein ewiges Leben bei Gott. »Das Sterbliche wird vom Leben verschlungen«, schreibt Paulus und ergänzt: »Dazu hat Gott uns den Heiligen Geist als Unterpfand gegeben.«

Wie wir Gott schon heute finden können

Nein, Paulus ist nicht weltfremd und es ist auch keine Vertröstung, wenn er den Blick nach vorne richtet, voller Vertrauen auf Gottes Zusagen. Er weiß: hier in der Welt sind wir noch nicht bei Gott, auch wenn es Zeiten gibt, in denen sich Gott im Heiligen Geist unter uns begibt, uns nahe kommt.

»Wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen« bringt er es auf den Punkt. Gott sehen, das tun wir noch nicht.

Ein Schüler kam zu einem Rabbi und fragte: »Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Warum gibt es die heute nicht mehr?« Darauf antwortete der Rabbi: »Weil sich niemand mehr so tief bücken will.«

Eine nachdenklich stimmende Antwort gibt der Rabbi seinem Schüler. Er hat ja recht. Wir sind nicht wie der fromme Henoch, Abraham oder Mose.

Gott hat sich klein gemacht. Er ist nicht mehr in erster Linie der Gott, der so gewaltig ist, dass der Mensch ihn nicht fassen kann. In Christus ist er greifbar zu uns gekommen.

Der Rabbi sagte: um Gott zu sehen, muss man sich bücken. Vielleicht ist das gar nicht so verkehrt. Im Gebet – und wer betet, der macht sich oft ein wenig kleiner und zieht sich auf sich selbst zurück – im Gebet können wir Gott begegnen und empfangen, was er gibt. Denn das können wir, auch wenn wir ihn noch nicht von Angesicht zu Angesicht sehen: Gott begegnen.

Der russische Philosoph Solowiew war einmal Gast eines Klosters und hatte sein Gespräch mit einem der Mönche bis spät in die Nacht ausgedehnt. Er wollte in seine Zelle zurückkehren, trat auf den Gang, wo die Türen zu den Zellen alle gleich und alle geschlossen waren. Es gelang ihm in der Dunkelheit nicht, die Tür seiner Zelle zu finden. Andererseits war es in der Dunkelheit unmöglich, in die Zelle des Mönches, die er verlassen hatte, zurückzugehen. Aber er wollte während des strengen Stillschweigens in der Nacht auch niemanden stören. Somit beschloss er, die Nacht damit zu verbringen, den Korridor des Klosters, der plötzlich geheimnisvoll ungastlich geworden war, in Gedanken vertieft langsam auf und ab zu schreiten. Die Nacht war lang und beschwerlich, aber schließlich ging sie vorüber, und der erste Schimmer der Morgenröte erlaubte es dem Philosophen, die Türe seiner Zelle ohne weiteres zu finden, an welcher er soundso oft vorübergegangen war, ohne sie zu erkennen. Und er meinte dazu: Denen, die die Wahrheit suchen, ergeht es oft so. Sie gehen im Laufe ihrer Nachtwachen ganz nahe an ihr vorbei, ohne sie zu finden, bis dann der Strahl der Sonne kommt.

Gott suchen wir und finden ihn doch so oft nicht. Wie der Philosoph laufen wir nur allzu oft an der »richtigen Tür« vorbei. Jesus Christus ist unser Weg zu Gott; wo wir ihn in unserem Leben haben, weicht alle Finsternis.

Denn Gott begegnet uns da, wo wir ihn in unser Herz einlassen. Christus führt ihn uns vor und wo Menschen sich in seinem Namen versammeln, bleibt er auch nicht fern. Er ist niemals weiter weg als ein Gebet.

Ihm endlich ganz zu begegnen kann Paulus kaum erwarten. Auch wenn er auf unzählige Situationen im Leben zurückblickt, wo sein Glaube alle Finsternis vertrieben hat, es ihn hat durchstehen lassen, so sehnt sich der Apostel nach mehr.

Was wir tun könnten

Und dann senkt er den Blick wieder vom Horizont der Verheißungen Gottes in sein Hier und Jetzt. Ja, einst werden wir bei Gott sein. Doch für Paulus hat diese Gewissheit schon heute Folgen: »Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm Wohlgefallen«, schreibt er.

Gerade den Korinthern sagt er damit noch einmal, dass Christ zu sein nicht heißt, einen »Persilschein« für ungerechtes Verhalten zu haben. In Korinth hatten einige Christen das geglaubt: »Gott vergibt mir in Christus« – das war für einige Ansporn, sich so schlecht und gemein wie nur irgendwas zu benehmen.

Auch uns, die wir auf der Suche nach Gott sind, gelten diese Worte, Gottes Liebe in unserem Leben umzusetzen. Wie heißt es so schön: »Liebe ist das einzige, was wächst, wenn man es teilt« … oder mit Jesu Worten gesagt: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« (Mt 25,40)

Liebe Gemeinde, ebenso wie Paulus sind wir auf Glauben angewiesen und können noch nicht Schauen. Nicht einmal Paulus konnte das; als er es vor Damaskus versuchte, wurde er für drei Tage blind.

Paulus erinnert uns: auch wenn wir jetzt »nur« glauben und uns danach sehen, endlich Glauben mit Sehen und Wissen zu vertauschen, können wir doch jetzt schon eines tun: Wir können uns nach Kräften bemühen, in allen Situationen und Erlebnissen, guten wie schweren Zeiten, an Gott zu bleiben.

Im Gebet können wir mit ihm reden, in der Bibel von ihm lesen, in der Gemeinde Weggefährtinnen und Weggefährten finden. Paulus weiß: dieser Weg hat ein Ziel, führt zu Gott.

Und das kann dabei helfen – die Gewissheit: Was auch kommen mag, Gott kommt uns entgegen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 394 Nun aufwärts froh den Blick gewandt