Predigt über 1. Mose 18,20–33

Liebe Gemeinde, wenn Kinder ins Bett sollen, dann wissen wir alle, wie das ist: Begeistert rufen die Kleinen »Hurra, endlich wieder schlafen«. Denn das schätzen Kinder doch, Ruhe zu haben und all die interessanten Dinge, die Wohnzimmer vorgehen nicht miterleben zu müssen. Ach, herrlich.

Vielleicht erleben Sie das ja auch anders: vielleicht erleben Sie da mehr oder weniger deutlichen Unmut und sehen sich mitten in diversen Verhandlungen, warum »Nur noch eine halbe Stunde«, »Nur noch, bis das Kapitel zu Ende ist« oder »Nur noch bis der nächste Superstar ausgelost ist« nicht möglich ist, sondern Nachtruhe für die nächsten zehn Stunden fällig ist. Da wird hart gefeilscht, zäh verhandelt, um jedes Quäntchen gerungen: Jede herausgeschlagene Minute zählt.

Im Predigttext für heute wird auch mit harten Bandagen verhandelt. Abraham und Gott, sie sind ins Gespräch gekommen. Hören Sie den Predigttext aus dem Ersten Mosebuch, Genesis 18:

Gen 18,20–33 20 Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob’s nicht so sei, damit ich’s wisse. Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen nach Sodom. Aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären? Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, so dass der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten? Der HERR sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich Erde und Asche bin. Es könnten vielleicht fünf weniger als fünfzig Gerechte darin sein; wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen? Er sprach: Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht verderben. Und er fuhr fort mit ihm zu reden und sprach: Man könnte vielleicht vierzig darin finden. Er aber sprach: Ich will ihnen nichts tun um der vierzig willen. Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede. Man könnte vielleicht dreißig darin finden. Er aber sprach: Finde ich dreißig darin, so will ich ihnen nichts tun. Und er sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, mit dem Herrn zu reden. Man könnte vielleicht zwanzig darin finden. Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der zwanzig willen. Und er sprach: Ach, zürne nicht, Herr, dass ich nur noch einmal rede. Man könnte vielleicht zehn darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der zehn willen. Und der HERR ging weg, nachdem er aufgehört hatte, mit Abraham zu reden; und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort.

So weit der Predigttext; die Geschichte kennen Sie alle. Und wir alle wissen ja, wie es ausgegangen ist. Als Gott genau nachsah, fand er nur vier Gerechte: Lot, seine Frau und ihre Kinder. Die sind ’rausgekommen und Gott hat die Städte zerstört. Die Bibel berichtet: »Da ließ der HERR Schwefel und Feuer vom Himmel regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Land gewachsen war.« (Gen 19,24f) Keine halben Sachen – da blieb kein Stein auf dem anderen und die Alten unter uns denken jetzt vielleicht an die schrecklichen Bombenhagel und Feuerstürme im Zweiten Weltkrieg, als Bomber Städte in Schutt und Asche legten. Gott sei Dank haben wir nun seit über einem halben Jahrhundert Frieden im Land.

Im Predigttext hat dies, die Zerstörung Sodoms und Gomorras, aber noch nicht stattgefunden. Gott und Abraham, sie unterhalten sich erst einmal darüber, denn in Sodom und Gomorra ist etliches schief gegangen. Lassen Sie uns den Predigttext, den wir eben gehört haben, unter folgenden drei Fragestellungen bedenken:

  1. Zuerst: Was für ein Bild ist es eigentlich, das von Gott darin vermittelt wird? Und wie ist es um das Bild bestellt, das wir uns von Gott machen?
  2. Dann: Wie ist eigentlich die Stellung von Abraham, von uns Menschen zu Gott – und wie stellt er sich zu uns?
  3. Zuletzt: Worum geht es in dem Begriff der Gerechtigkeit, der im Text genannt wird?

Zum Ersten, dem Gottesbild. Unsere Frage ist doch auch: »Wer ist Gott?« Vielleicht haben wir selbst diese Frage gestellt, als wir noch kleine Kinder waren und von den Eltern zu Bett gebracht wurden. Das ist ja auch keine einfache Frage, denn Gott können wir nicht im Fernsehen sehen oder sein Foto in einem Lexikon betrachten. Und doch wissen wir ihn mitten unter uns, sind heute Morgen in seinem Namen hier zusammengekommen.

Doch ist es nicht so: was wir im Predigttext über Gott hören, das passt gar nicht so wirklich zu unserer Vorstellung von Gott. Unser Gott ist doch der »liebe Gott«, der Gutes will. Und nun hören wir, wie er ganze Städte vernichtet.

Dieses Bild von der vernichtenden Übermacht ist dennoch gängig. In Hollywood wurde es zum Beispiel so aufgenommen:

Anfang Filmplakat Independence Day zeigen

Übergroß, unaufhaltsam, vernichtend. Und unten die Stadt, sie wirkt auf diesem Filmplakat so klein wie die Landschaft bei einer Modelleisenbahn. Statt Feuer und Schwefel wird hier mit irgendeiner Strahlenkanone die Landschaft eingeebnet.

Dieses Bild passt doch zum Predigttext. Gott ist in der Vorstellungswelt des Films durch feindliche Außerirdische mit einem riesigen UFO ersetzt worden.

Gott als unwiderstehlicher Zerstörer, dass ist eines der Bilder, die man sich nach der Geschichte von Sodom und Gomorra machen könnte. Unsere Urängste werden in diesem Bild aufgenommen: dass es Mächte und Gewalten oder Situationen im Leben gibt, denen wir vollkommen schutzlos ausgeliefert sind. Wir alle wissen um unsere je eigenen Schreckensbilder, seien es schwere Krankheiten, zerbrechende Beziehungen, unvorhersehbare Ereignisse. Und damit einher geht das Gefühl der Hilflosigkeit, weil einen etwas Gewaltiges überrollt.

Sodom und Gomorra – der Predigttext wirft die Frage nach Gott auf, wer er ist. Und beunruhigt lässt sich fragen: Ist Gott die herabstoßende Vernichtungsmacht?

Mit der zweiten Frage, der nach der Stellung von Abraham, von uns Menschen, zu Gott und wie er sich zu uns stellt, wird etwas deutlich. Im Bild sehen Sie die gewaltigen Maße des Raumschiffs, das fast sechs mal größer als die Stadt darunter gemalt ist. Nehmen wir es einmal als Ausdruck der Größe Gottes und der Kleinheit der Städte Sodom und Gomorra/der Menschheit. [Ende Filmplakat zeigen]

Im Predigttext zeigt sich: Mit diesem gewaltigen Herrn spricht der kleine Abraham auf Augenhöhe. Gott hat sich klein gemacht in diesem Gespräch mit ihm. Und Gott zeigt sich als alles andere als eine fremde, kalte, vernichtende Macht. Er redet mit Abraham von Du zu Du. Was an schlimmen Klagen über Sodom zu ihm gedrungen ist. Dass er nachsehen will, was da los ist. Im O-Ton heißt das: »Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob’s nicht so sei, damit ich’s wisse.« (Gen 18,20f)

Keine Rede von Zerstörung oder Vernichtung! Diese Worte nimmt erst Abraham in den Mund und Gott lässt sich im Gespräch mit ihm nach Festlegung der Notwendigkeit von nur fünfzig Gerechten von Abraham ganze fünf Mal herunterhandeln. Wieder und wieder stößt Abraham nach, ringt Gott ohne Probleme oder einen Tadel eine neue Grenze ab.

Liebe Gemeinde, wie war das noch mal mit der Situation, wenn Kinder zu Bett gehen sollen und anfangen zu handeln? Welche Eltern würden sich auf solch einen Dialog wie dem zwischen Gott und Abraham wohl einlassen?

Gott als die gewaltige Vernichtungsmacht – dieses Bild wird hier durch ein ganz anderes ersetzt: Gott ist derjenige, der sich nur allzu gern darauf einlässt, Tod und Zerstörung zu vermeiden. Er will das Gute für die Menschen, die gerecht sind.

Das führt uns zum Letzten, nämlich worum es in dem Begriff »Gerechtigkeit« geht. Abraham feilscht um die Zahl der Gerechten und wir wissen: zum Schluss konnte man deren Zahl an einer Hand abzählen und Gott tilgte alles Übel aus.

Gerecht – darunter versteht man doch landläufig ein Verhalten, dass das Zusammenleben vieler Menschen möglich macht. Dass jeder bekommt, was ihm zusteht und davon nichts zurückgehalten wird.

Gott, er ist der Gerechte. In den Zehn Geboten hat er uns Regeln an die Hand gegeben, die Zusammenleben und die Beziehung zu Gott ermöglichen sollen. Jesus fasst es im Doppelgebot der Liebe zu Gott und Mitmenschen zusammen. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich daran, dass er diese Regeln achtet und nicht beliebig außer Kraft setzt.

Sodom und Gomorra – dort hatte sich niemand daran gehalten. Wie ist das mit uns? Von uns kann wohl niemand sagen, wirklich gerecht zu sein. Nein, da fallen uns alle Situationen ein, in denen wir ungerecht oder egozentrisch gehandelt haben, von Liebe zu Gott oder den Mitmenschen all zu frei waren.

Der gerechte Gott und die ungerechten Menschen – Sodom und Gomorra stehen dafür, wie das ausging.

Wenn wir am Freitag den Reformationstag feiern, können wir uns an Martin Luthers Entdeckung erinnern. Er lebte in ständiger Furcht endzeitlicher Schrecken und göttlicher Vernichtung ob seiner Ungerechtigkeit.

Als Martin Luther den Römerbrief las, stolperte er über folgende Worte: »Im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben.« (Röm 1,17 Einheitsübersetzung)

Luther entdeckte an diesen Worten, dass es gerade Gottes Gerechtigkeit ist, die auch uns Menschen rettet, auch wenn wir oft ungerecht handeln. In Jesus Christus hat Gott uns gerechtfertigt, weil er unsere Ungerechtigkeit auf sich nimmt. So sind wir die Freien. Gott selbst hat uns ermöglicht, in der Gemeinschaft mit ihm zu leben, auch wenn wir oft ungerecht denken und handeln. Rechtfertigung in Jesus Christus bezeichnet dies.

Der Predigttext wirft die Frage nach Gott und seinem Verhältnis zu uns Menschen auf. Gott sei Dank: es ist nicht irgendein Schicksal, sondern Gott, der unser Leben in Händen hält – zum Guten, nicht zum Bösen. So ist Gott für uns nicht mehr der ferne Gott, der sich mit gewaltiger Macht anschickt, alles Ungerechte zu vernichten. Vielmehr ist Gott uns in Jesus Christus so nahe gekommen, dass auch wir wie Abraham damals mit ihm reden können. In Jesus Christus hat er diese Brücke mitten in unser Leben geschlagen.

Die spannende Frage ist also nicht mehr, wer Gott ist und wie er sich zu uns Menschen stellt. Die spannende Frage ist: wie stellen wir uns zu Gott?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.