Predigt über 1. Mose 32,4–9.14–33

Ringen mit Gott

Liebe Gemeinde, so eine Zeit im Krankenhaus ist eine ziemliche Veränderung. Der Alltag ist fernab, man ist Patientin oder Patient, Ärztinnen und Ärzte, Schwestern und Pfleger geben den Rhythmus vor.

Wem es möglich ist, einigermaßen schmerzfrei zu sein, der findet in dieser Krankenzeit auch reichlich Zeit zum Nachdenken, zum Grübeln. Sicher haben Sie schon etliches Revue passieren lassen, sich erinnert, was gewesen ist in der letzten Zeit. Und jenseits des Grundes für Ihren Krankenhausaufenthalt haben Sie sicher auch schon einmal darüber nachgedacht, wie Sie die kommende Zeit gestalten wollen. Rückblick und Ausblick scheinen irgendwie zusammenzuhängen.

Doch diese Krankenhauszeit, die bringt auch ganz andere Fragen mit sich:

  • Warum bin ich eigentlich hier?
  • Warum konnte mir das nicht erspart bleiben?

Und diesen Fragen hat sich vielleicht ja auch das Fragen nach Gott hinzugesellt. Gerade an den Schwellen, den Übergangszeiten im Leben wird das ja oft ein ganz lebendiges Fragen und Suchen. Hoffentlich auch ein Begegnen!

Im Predigttext heute Abend geht es auch um eine Schwellensituation und eine Begegnung. Ich lese aus dem Ersten Mosebuch, Genesis 32:

Gen 32,4–9.14–33 Jakob aber schickte Boten vor sich her zu seinem Bruder Esau ins Land Seïr, in das Gebiet von Edom, und befahl ihnen und sprach: So sprecht zu Esau, meinem Herrn: Dein Knecht Jakob lässt dir sagen: Ich bin bisher bei Laban lange in der Fremde gewesen und habe Rinder und Esel, Schafe, Knechte und Mägde, und habe ausgesandt, es dir, meinem Herrn, anzusagen, damit ich Gnade vor deinen Augen fände. Die Boten kamen zu Jakob zurück und sprachen: Wir kamen zu deinem Bruder Esau, und er zieht dir auch entgegen mit vierhundert Mann. Da fürchtete sich Jakob sehr, und ihm wurde bange. Und er teilte das Volk, das bei ihm war, und die Schafe und die Rinder und die Kamele in zwei Lager und sprach: Wenn Esau über das eine Lager kommt und macht es nieder, so wird das andere entrinnen. Und er blieb die Nacht da und nahm von dem, was er erworben hatte, ein Geschenk für seinen Bruder Esau: zweihundert Ziegen, zwanzig Böcke, zweihundert Schafe, zwanzig Widder und dreißig säugende Kamele mit ihren Füllen, vierzig Kühe und zehn junge Stiere, zwanzig Eselinnen und zehn Esel, und tat sie unter die Hand seiner Knechte, je eine Herde besonders, und sprach zu ihnen: Geht vor mir her und lasst Raum zwischen einer Herde und der andern. Und er gebot dem ersten und sprach: Wenn dir mein Bruder Esau begegnet und dich fragt: Wem gehörst du an und wo willst du hin und wessen Eigentum ist das, was du vor dir hertreibst?, sollst du sagen: Es gehört deinem Knechte Jakob, der sendet es als Geschenk seinem Herrn Esau und zieht hinter uns her. Ebenso gebot er auch dem zweiten und dem dritten und allen, die den Herden nachgingen, und sprach: Wie ich euch gesagt habe, so saget zu Esau, wenn ihr ihm begegnet, und saget ja auch: Siehe, dein Knecht Jakob kommt hinter uns. Denn er dachte: Ich will ihn versöhnen mit dem Geschenk, das vor mir hergeht. Danach will ich ihn sehen; vielleicht wird er mich annehmen. So ging das Geschenk vor ihm her; er aber blieb diese Nacht im Lager. Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, nahm sie und führte sie über das Wasser, so dass hinüberkam, was er hatte, und blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißest du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte. Daher essen die Israeliten nicht das Muskelstück auf dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag, weil er auf den Muskel am Gelenk der Hüfte Jakobs geschlagen hatte.

Damals war einiges schief gelaufen. Jakob hatte sich mit seinem Bruder Esau so richtig verkracht, als er seinen Vater Isaak dazu gebracht hatte, ihm und nicht Esau den Segen zuzusprechen. Und an diesem Segen hing eine Menge.

Jakob war in die Fremde geflohen, hatte es zu etwas gebracht und nun kehrte er heim. Eines ließ ihn zögern, machte ihm die letzten Schritte zum Ziel schwer: die Angst, seinem Bruder Esau nach so vielen Jahren wieder zu begegnen. Ob sein Zorn wohl verraucht war? Und was, wenn nicht? Damals hatte Esau gesagt: Ich bringe dich um.

Jakob griff zu einem Trick. Er stellte zehn prächtige Geschenke für seinen Bruder zusammen. Die sollte er nach und nach empfangen. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, und große sind manchmal der Versuch, um Entschuldigung zu bitten. Seine Leute ließ er mit den Geschenken vorausziehen, und um ein bisschen mehr Abstand zu halten, lagerte Jakob mit der Familie eine weitere Nacht.

Als er weiterziehen wollte, zögerte er erneut. Was für ein Weg würde das sein, der vor ihm lag? Seine Familie hatte er über die Furt gebracht, und nun stand er allein am Ufer.

Gehen oder Stehen? Er musste doch los. Er hatte alles bereit gemacht, alle Vorbereitungen abgeschlossen, alle der seinen waren schon auf dem Weg!

Solche Situationen kennen wir. So wie Jakob wissen wir um die Momente im Leben, wo unser Fuß stockt, wo wir den nächsten Schritt nicht einfach machen können, am Liebsten keine Entscheidung treffen. Wie ist das bei Ihnen?

Die Bibel berichtet weiter: »Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.« Oder war es vielmehr so: Da rang Jakob mit einem Mann, bis die Morgenröte anbrach? Wie auch immer: da lagen zwei im Clinch, nicht nur so eben.

Im Fortgang des Ersten Mosebuchs erfahren wir: Es war Gott, mit dem Jakob gerungen hat. Ganz handreiflich, und es endete für ihn mit einer ausgerenkten Hüfte.

Ringen mit Gott, mit ihm hadern, auch die unangenehmen Fragen nicht vor ihm verschweigen – das ist unser Ringen mit Gott dieser Tage. Die Taufe birgt die Verheißung, dass Gott mit uns durchs Leben geht und uns zu gutem Ziel führt. Doch manchmal geht unser Lebensweg so sehr über Stock und Stein und durch die Wildnis, dass wir uns fragen: was ist los mit unserem Weggefährten?

Jakob hat mit ihm gerungen. Mehr noch: Er hat Gott den Segen abgetrotzt. Sein neuer Name Israel, das heißt übersetzt: Gotteskämpfer. Nein, damit ist kein verblendeter Fanatiker gemeint, der von Wahnsinnigen angestiftet einen sinnlosen Massenmord begehen will. Gotteskämpfer, das bedeutete für Jakob, dass er mit Gott selbst gerungen hat.

Er hat ihn zu fassen bekommen. Konnte seine Fragen anbringen. Auch wir können das mit unseren Fragen, sie greifbar vor Gott bringen. Wo wir die Hände falten und beten, da sind wir dabei, Gott zu ergreifen, auch wenn er fern scheint.

Jakob hat Gottes Segen erfahren. So humpelte er dann davon. Er hat in dieser Begegnung Federn gelassen. Und doch: sein Weg war gesegnet. Sein Bruder hat sich mit ihm versöhnt. Wie es mit Jakob weiterging, das können sie im ersten Mosebuch Genesis lesen, wir haben eben Worte aus Kapitel 32 gehört.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in allem Fragen und Ergründen Gott finden und erfahren: sein Segen trägt durch Leben, gerade durch die schweren Zeiten. Und das andere wünsche ich Ihnen auch: dass Sie die Flinte nicht allzu schnell ins Korn werfen, wenn Gott nicht gleich antwortet, sondern dass Sie wie Jakob mit ihm ringen und seinen Segen empfangen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: Wer nur den lieben Gott lässt walten, eg 369,1.2.7