Predigt über Epheser 4,1–6

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An einem Strang ziehen, oder: Einheit ist, wenn Einzelne etwas gemeinsam tun

Bildmeditation vor der Predigt

Quelle: Walking Human Chain by Shioshvili on Flickr. http://flickr.com/photos/vshioshvili/2823013250, CC-BY-2.0. Montage des zweiten Bilds: Marc Platten. Alle im Text genannten Namen und Berufe sind erfunden!

Gen 1,27f Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

So ist es geschehen. 6,7 Milliarden Menschen leben mittlerweile auf der Erde, es gibt 193 Länder, 5.600 Sprachen (Stand: 2008). Die Menschheit, sie könnte kaum vielfältiger sein, Bräuche und Sitten kaum unterschiedlicher.

An vielen Orten kennen die Leute einander nicht mehr. In den Großstädten scheint das Leben ein anderes Tempo zu haben als bei uns auf dem Land. Und interessant: Diese Beschleunigung des Lebens scheint auch eine zunehmende Individualisierung zu befördern. Die Zahl der Singlehaushalte ist mittlerweile höher als die der Haushalte von Paaren oder Familien. Die Menschen vereinzeln.

Fünf Personen sehen wir. Katharina: Sie ist Steuerfachgehilfin; Stephanie: Kinderkrankenschwester; Chiara: Architektin; Robert: Koch; Antonia: Hausfrau.

Fünf Gesichter, fünf Berufe, fünf ganz verschiedene Leben. Gemeinsamkeiten? Die Sprache. Das Land. Vielleicht der Musikgeschmack, Bücher, ein Hobby. Aber doch: fünf Individuen, die Gemeinsamkeiten haben, auch wenn sie einander vielleicht gar nicht kennen.

Eine Theorie besagt, dass jeder Mensch über sieben andere mit jedem anderen Menschen bekannt ist, diese vielbevölkerte Welt also eigentlich ganz klein ist. Und doch: Jeder ist sich selbst der Nächste, statt Nähe findet sich Entfernung.

Wie diese fünf wohl ihr Leben leben? Wie ein typischer Tag aussieht? Ob sie miteinander etwas tun könnten? Ändern wir die Perspektive!

Walking Human Chain by Shioshvili on Flickr. http://flickr.com/photos/vshioshvili/2823013250

Hier sehen wir die fünf. Es gibt Situationen, die Menschen vereinen, die Individuen dazu bringen, ein Gemeinsames zu schaffen. Bei aller Vereinzelung gilt: es geht auch gemeinsam. Einheit ist, wenn viele an einem Strang ziehen. Hier geschieht das Buchstäblich, denn sie und andere reichen einander die Hand, bilden eine Menschenkette; wollen auf friedliche Weise etwas Gutes erreichen. Sie protestieren nicht gegen die Schließung einer Schule, eines Krankenhauses, sondern gegen Ungerechtigkeit und Krieg.

Einheit ist, wenn viele an einem Strang ziehen. Ob wir das auch können? Doch was könnte diese Einheit schaffen …?

Lied: Gut, dass wir einander haben, gut, dass wir einander seh’n

Predigt über Epheser 4,1-6

Liebe Gemeinde, das mit der Einheit ist so eine Sache. Woran denken Sie, wenn Sie das Wort »Einheit« hören?

Einheit ist ja eigentlich ein schönes Wort. Idealerweise erleben wir als Kinder, dass unsere Eltern eins sind, eine Einheit bilden und uns einen sicheren Rahmen zum aufwachsen bieten. Freilich: Die Statistik belegt, dass das ein Ideal ist, das heute immer weniger Paare für ihre Kinder verwirklichen.

Einheit, zuerst klingt es so gut. Sie ist ein Ziel, das wir gerne anstreben. Und doch lehrt uns der Alltag: Einheit ist immer gefährdet, sie ist oft schwierig zu erreichen, und so manche Einheit kommt einen teuer zu stehen.

Im Predigttext schreibt ein Verfasser im Namen des Apostels Paulus folgendes zur Einheit:

Eph 4,1–6 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: EIN Leib und EIN Geist, wie ihr auch berufen seid zu EINER Hoffnung eurer Berufung; EIN Herr, EIN Glaube, EINE Taufe; EIN Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Das »Band des Friedens« – das ist kein Absperrband, das vor dem Schauplatz von etwas Schlimmem gespannt ist. Das »Band des Friedens« - im Bild haben wir es gesehen, denn die Menschenkette richtete sich gegen den Krieg auf dem Balkan.

Der Wunsch nach Friede war es, der Menschen da geeint hat. Die Einigkeit, die im Predigttext angesprochen wird, ist freilich eine andere. »Ertragt einer den anderen in Liebe« heißt es da – was aber tun, wenn die Nachbarin partout nachts nicht aufhören will, laut Musik zu hören. Oder der Nachbar sein Motorrad immer vor dem Hauseingang parkt, so dass man kaum entlang kommt. Und so fort – da fällt jeder, jedem ein Beispiel ein.

Wie weit muss diese ertragende Liebe gehen? Muss ich alles erdulden, weil in der Bibel von Demut, Sanftmut, Geduld und Liebe die Rede ist? Wer es so versteht, dem wird das »Band des Friedens« zum Fesselstrick, der die Luft zum Atmen und den Raum zum Leben nimmt. So ist es nicht gemeint.

Einander in Liebe zu ertragen um die Einigkeit durch Frieden zu bewahren heißt, »die Fünfe auch mal gerade sein zu lassen«, den Nachbarn nicht gleich anzuzeigen, weil der Apfelbaum über den Zaun wächst. Es heißt, Geduld und Verständnis aufzubringen und Notwendiges anzusprechen, nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen. Mit dem »Band des Friedens« ist eine Verbindung, etwas Gemeinschaftsstiftendes gemeint. Dabei geht es nicht um faulen Frieden, Konfliktvermeidung und Geläster hintenherum, sondern um einen würdigen Umgang miteinander.

Im Bild war es ein Krieg, der Individuen vereinte. Wer und was uns Einheit geben kann, ist klar. Der Heilige Geist ist Gottes »Band des Friedens«, das uns untereinander verbindet, zur Einheit bringt.

Im Predigttext hören wir: Es ist »EIN Leib und EIN Geist, wie ihr auch berufen seid zu EINER Hoffnung eurer Berufung; EIN Herr, EIN Glaube, EINE Taufe; EIN Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.« (V. 4–6)

Damit ist uns ein Ziel vorgegeben, das wir anstreben sollen, oder mehr noch, denn der Predigttext beginnt mit den Worten: »Ich ermahne euch …«

Das klingt sehr streng. Und doch: ist es nicht manchmal gut, so unmissverständlich deutliche Worte zu hören? Was wäre es für ein Unterschied, wenn der Predigttext ganz windelweich formulierte: »Ach ja, uns wenn’s genehm ist, streitet nicht all zu sehr …«

Es ist nicht einfach, miteinander Frieden zu halten. Immer wieder finden wir ein Haar in der Suppe, erkennen genau, wie fehlerhaft die anderen sich verhalten, was angesichts unserer eigenen Vollkommenheit ja umso befremdlicher ist. »Ich ermahne euch …«, das gesagt zu bekommen, ist da wohl eine gute Sache. Denn darum geht es: dass die Menschen in den Christengemeinden bei aller Verschiedenheit, bei allen Schwierigkeiten und Reibereien nicht aufhören, nach Kräften an einem Strang zu ziehen.

Dieser gemeinsame Strang ist eben das eine, was wir alle gemeinsam haben: das Gott uns als seine Kinder angenommen hat, uns zu einer Familie gemacht hat. Ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Gott und Vater aller – das eint und schafft Gemeinschaft.

In unserer Welt, in unserem Alltag, oft bis in unsere Beziehungen hinein erleben wir: Einheit ist wie ein eingeölter Ringkämpfer, kaum zu greifen, kaum festzuhalten. Ehe man sich versieht, ist sie zerbrochen. Für Kirche und Gemeinde gilt das genau so. Noch immer wächst die Zahl an Gemeinden, in unseren Breiten aber nicht, weil Menschen Glauben empfangen, sondern weil Gemeinden auseinanderfallen, Einheit zerbricht und man getrennte Wege geht. Von wegen Einigkeit im Geist.

Der Predigttext ermahnt uns, dass wir die Einigkeit im Geist wahren sollen (V. 3). Wir müssen sie gar nicht selbst Herbeiführen, denn sie bricht sich da die Bahn, wo wir dem Heiligen Geist nicht wehren – er schafft sie. Unser Problem besteht also nicht so sehr in der Herbeiführung der Einheit, sondern in ihrer Bewahrung.

Vielleicht können wir uns neu darauf einzulassen einig zu sein und »einander in Liebe zu ertragen«, weil Gott uns immer schon darauf hinführt. Dazu kenne ich eine Geschichte:

Der Abt eines Klosters wurde von Besuchern gefragt: »Wie ist es möglich, dass alle Mönche trotz ihrer verschiedenen Herkunft, Veranlagung und Bildung eine Einheit darstellen?« Statt einer theoretischen Erklärung antwortete der Abt mit einem Bild: »Stellt euch ein Rad vor. Da sind Felge, Speiche und Nabe. Die Felge ist die umfassende Mauer, die aber nur äußerlich alles zusammenhält. Von diesem Rand des Rades aber laufen die Speichen in der Mitte zusammen und werden von der Nabe gehalten. Die Speichen sind wir selbst, die einzelnen unserer Gemeinschaft. Die Nabe ist Jesus Christus. Aus dieser Mitte leben wir. Sie hält alles zusammen.« Erstaunt schauten die Besucher auf, sie hatten etwas Wichtiges verstanden. Doch der Abt sagte weiter: »Je mehr sich die Speichen der Mitte nähern, um so näher kommen sie auch selbst zusammen. Ins konkrete Leben übertragen heißt das: Wenn wir uns Christus, der Mitte unserer menschlichen und geistlichen Gemeinschaft, wirklich und ganz nähern, kommen wir auch einander näher. Nur so können wir miteinander und füreinander und damit auch für andere leben.«

Einheit ist, wenn viele an einem Strang ziehen. Je mehr es uns gelingt, uns auf Gottes Geist einzulassen, umso mehr wird die Einheit unter uns Raum gewinnen, umso mehr werden wir ein Leib – Leib Christi, seine Gemeinde. Wo uns das gelingt, kommen wir dann dazu, im Umgang miteinander mehr Sanftmut und Geduld zu haben – eben, weil wir Kinder desselben Geistes sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied eg 268 Strahlen brechen viele aus einem Licht