Predigt über 1. Mose 2,4b–15

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Das verlorene und wiedergewonnene Paradies

a) Himmel und Hölle?

Liebe Gemeinde, Roland Sievers erzählt folgende Begebenheit:

Manch altchristliche oder byzantinische Basilika besitzt im Westteil eine kleine Vorhalle, auch Paradies genannt. Es diente für Taufzeremonien, wenn kein Baptisterium vorhanden war, für Beichten und bei Schlechtwetter früher auch für Trauungen. Das Paradies war Freistätte für Verfolgte, Ort der Almosenausgabe und gelegentlich auch Gerichtsstätte. Durchs Paradies gelangte man ins Innere der Kirche. Der Lübecker Dom besitzt auch ein Paradies. Gegenüber hatte zu früheren Zeiten der Bischof sein Zuhause. Durch das Paradies gelangte er in den Dom. Und er musste vermutlich genauso wie die Gläubigen heute auf dem Weg zum Paradies erst mal durchs »Fegefeuer«. So heißt die kleine Straße gegenüber dem Paradies. Und wenn jemand den Weg ins Paradies nicht findet? Dann landet er in der »Hölle« – eine winzige Gasse, die vom »Fegefeuer« abgeht. Vom Kirchendiener des Lübecker Doms wird erzählt, dass er einem Gottesdienstbesucher angesichts der überfüllten Kirche empfahl: »Gehen Sie ins Paradies. Da ist noch Platz!«

»Im Paradies ist noch Platz« – was für eine wunderbare Aussage! Paradies, das ist doch der Ort, wo wir alle dereinst sein wollen. Was uns da erwartet, wissen wir nicht so genau. Aber wir wissen: es muss ein wirklich wunderbarer Ort sein, wie es keinen besseren gibt.

Im Predigttext aus Erster Mose zwei hören wir über das Paradies folgendes:

Gen 2,4b–15 (Luther 1984 mit Korrekturen in der Verszählung nach BHS) Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme. Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila, und dort findet man Gold; und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham. Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

b) Das verlorene Paradies und wie das Böse in die Welt kam

Paradiesische Zustände – der Zweite Schöpfungsbericht, aus dem wir eben Verse gehört haben, erzählt, dass es die schon einmal gegeben hat. Gott schuf die Welt, schuf alles, was es gibt, das ist die eine Botschaft. Sträucher und Pflanzen schuf er, sorgte für das lebensnotwendige Wasser, und zuletzt formte er den Menschen.

Der Zweite Schöpfungsbericht bleibt ganz in Naturbildern in seiner Vorstellungswelt behaftet. So wird der Mensch aus der Erde, dem grundlegenden Material draußen geschaffen. Die geografische Einordnung: Der Paradiesgarten Eden lag im heutigen Irak.

Mitten im Garten standen die beiden Bäume der Erkenntnis des Guten und Bösen und des ewigen Lebens. Gott hatte Adam und Eva eingeschärft, den Hunger nicht daran zu stillen. Wir wissen: wenig später entwickelte Eva trotzdem Appetit …

Gott meint nicht »vielleicht«, wenn er etwas sagt. Er steht zu seinem Wort – auch zu dem: »Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!« (Gen 3,3b), das er Adam und Eva als Warnung vor den beiden besonderen Bäumen gesagt hatte.

Allein, zur Tötung ließ Gott sich nicht hinreißen, denn vernichten wollte er nicht. So kam es, dass Gott Adam und Eva mit Kleidung ausstattete, damit sie ohne zu frieren ihre eigenen Äpfel und Birnen züchteten – andernorts, außerhalb des Paradieses.

Die harte Wirklichkeit hatte die Menschheit eingeholt und das mit dem Paradies war nicht mehr. Immerhin: nun konnten sie Gut und Böse unterscheiden, konnten ihren Willen benutzen, das eine oder das andere zu wählen.

Gut und Böse – vielleicht gehört es zu einem paradiesischen Zustand dazu, dass es das beides nicht gibt, sondern dass nur eines zählt: nahe bei Gott zu sein, zu »eben an der Quelle« des Lebens.

Doch nun ist es so: der Mensch hat sich genommen, was der Schöpfer ihm ersparen wollte. So brachten die beiden neben dem Guten auch das Böse in die Welt. Da war sozusagen ein Wurm im Apfel, den Gott uns ersparen wollte …

c) Auf der Suche nach dem Rückweg

Das verlorene Paradies – dem trauern wir alle nach. Wir alle suchen doch nach Wegen in unser je eigenes Paradies:

  • Urlaub, das ist für viele Menschen wie ein Trip ins Paradies. So manche, so mancher sehnt sich nach einer Auszeit vom Alltag, vielleicht sogar unter Palmen an weißen Sandstränden bei tropischen Temperaturen.
  • Für andere liegt das Paradies in der Familie, wenn da alles gut geht, man sich untereinander versteht und nicht allzu viel zankt.
  • Und auch in einer gesicherten wirtschaftlichen Situation, Unabhängigkeit und Gesundheit sehen viele paradiesische Zustände.

Doch alles das sind keine Selbstverständlichkeiten. Unsere Paradiese, sie bestehen immer nur auf Zeit, blühen auf wie eine Blume um dann irgendwann welk zu werden.

Vom Baum des ewigen Lebens haben die beiden im Paradies eben nicht gegessen und so ist nichts auf Erden ewig. Paul Gerhardt dichtete dazu: »Menschliches Wesen, was ist’s gewesen? In einer Stunde geht es zugrunde, sobald das Lüftlein des Todes drein bläst. Alles in allen muss brechen und fallen, Himmel und Erden die müssen das werden, was sie vor ihrer Erschaffung gewest.« (eg 449,7 Die güld’ne Sonne).

Aus unserem je eigenen Paradies werden wir irgendwann vertrieben, denn in dieser Welt ist alles vergänglich.

d) »Paradise regained« – das wiedergewonnene Paradies

Doch Gott will das Gute für uns, will, dass wir das verlorene Paradies wiederfinden. Und Gott steht zu seinem Wort, in dem er uns sagt, dass er Gutes für uns will.

Wer ein Losungsbüchlein hat und heute Morgen darin gelesen hat, hat vielleicht schon einen Blick auf die Monatslosung für den morgen beginnenden September geworfen. Ich finde, die kommende Monatslosung drückt diesen Wunsch Gottes nach dem Guten für uns aus. Da spricht Gott: »Ich habe Dich je und je geliebt, darum habe ich Dich zu mir gezogen aus lauter Güte.« (Jer 31,3 – Monatslosung September 2008) In der Taufe auf Jesus Christus hat Gott uns zu sich gezogen, uns den Rückweg in sein Paradies aufgezeigt.

Doch die Frage ist: wie kommen wir dahin, welchen Weg können wir einschlagen? Können wir überhaupt in die ein oder andere Richtung gehen?

Sicher ist: Gottes Reich ist nicht von dieser Welt (vgl. Joh 18,36), es ist etwas, das noch kommt und nicht da ist. Doch das macht uns nicht unmöglich, schon heute Schritte in diese Richtung zu gehen, denn völlig »jenseits von Eden« sind wir nicht.

Wir können ein klein wenig Paradies, ein kleines Stück von Gottes Reich hier auf Erden dort finden, wo wir zu Gott umkehren. Die Gebote weisen uns einen Weg zu Gott. Wo wir unseren Mitmenschen nach Kräften so begegnen, wie wir selbst wollen, dass sie uns begegnen, da sind wir schon auf dem Weg. Es ist kein leichter Gang, das ist sicher. Aber es ist ein Gang, der uns die Welt neu und anders vor Augen stellen wird, weil wir daran mitwirken, Gottes Reich in ihr auszubreiten.

Der Weg zurück zu Gott führt ins Paradies. Es ist ein weiter Weg, doch was dort ist, was der Heilige Geist ihn in seiner Offenbarung sehen ließ, beschreibt der Seher Johannes:

Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes; mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. (Offenbarung 22,1f)

Durch die Bibel hindurch wird der Bogen gespannt, vom ersten Buch mit dem Bericht über die Vertreibung bis zum letzten, der Johannesoffenbarung, mit dem Hinweis auf die Heimkehr ins Paradies. Der Baum des Lebens – er steht noch. Gott hat ihn nicht gefällt, sondern gehegt und gepflegt. Er hängt voller Früchte. Ob sie wohl dieses Mal gepflückt werden dürfen?

Sicher ist: diese Bäume stehen als Sinnbild für das, was Gott für uns bereithält. Wir wissen nicht genau, wann und wie es sein wird. Es wird gut sein, das ist die Botschaft.

Der Mensch, der in Adam und Eva, in Mann und Frau als Gottes Ebenbild existiert – er hat sich über Gottes Gebot hinweggesetzt. Das Paradies ging uns so verloren, stattdessen brachten wir das Böse mit in die Welt.

Doch Gott hält einen Fuß in der Tür, ja mehr noch: in Jesus Christus reißt er sie sperrangelweit auf, damit wir zurückkehren. Und schon hier und heute glimmt ein Abglanz des Paradieses da auf, wo wir an Gottes Hand durchs Leben gehen. Möge Gott uns das schenken: an allen Tagen seine Nähe zu erleben, auch auf schweren Wegen nicht zu verzagen, sondern durch die Taufe mit ihm durchs Leben hindurch verbunden zu bleiben, bis wir heimkehren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 503,9–11.13–15 Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Fürbittengebet

Herr Jesus Christus, wir sind jenseits von Eden, leben in einer vergänglichen Welt in der wir oft Schwieriges durchleben. Doch Du bist zu uns gekommen, damit wir den Weg zurück finden. Du öffnest uns die Pforten des Paradieses erneut. Deshalb können wir in allem Schweren getrost sein und wissen: Das letzte Wort hast Du. Dein letztes Wort heißt: Ich lebe, und ihr werdet auch leben.

So bitten wir Dich heute für alle unsere Mitmenschen, die durch Krankheit in ihrer Freude gebremst werden. Wir bitten Dich nicht nur, dass Du ihnen neue Kraft und neuen Mut schenkst. Wir bitten Dich auch für uns: schenke uns den Mut, uns für einen Menschen in unserer Nähe Zeit zu nehmen für ein gutes Wort, einen Anruf oder eine Geste die deutlich macht: wir sind gemeinsam auf dem Weg.

Wir bitten Dich für alle Menschen, die auf der Suche nach Arbeit sind, junge wie alte. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich über die Arbeit definiert. Wir wollen zu etwas Nutze sein. Hilf, dass unsere Geschwister erfahren, dass sie gebraucht werden. Zeige Ihnen die Orte, an denen sie Gutes tun können und hilf Ihnen, auf der Suche nach Arbeit nicht zu verzagen, sondern beharrlich zu sein.

Wir bitten Dich für alle Paare, die aneinander versagen. Du hast uns Menschen als Mann und Frau geschaffen und füreinander bestimmt. Hilf allen Eheleuten, die es miteinander schwer haben, zu neuer Liebe im Blick aufeinander. Schenke Du den Mut, Belastendes konstruktiv anzusprechen und zu lösen. Schenke Mut, um Verletzungen zu wissen, sie aber nicht zu zelebrieren. Schenke Geduld, Kraft und Liebe, wie Du es in Deinem Segen als Kraftquelle gerade für schwere Zeiten getan hast.

Wir bitten Dich für alle, die an sich selbst verzagen oder an Lebensumständen, die einfach nur zum Schreien sind. Gott, sei Du nahe. Verbinde die verwundeten Herzen. Hilf, Auswege zu erkennen und helfende Hände zu suchen und zu ergreifen.

Gott, Du weißt, was uns noch alles bewegt, hier nicht zur Sprache gekommen ist. Wir bringen es vor Dich, indem wir gemeinsam beten, wie Jesus Christus es uns gelehrt hat: Vater Unser …

Lied: eg 449,1–4.7–8 Die güld’ne Sonne