Predigt über Römer 11,25–32

Liebe Gemeinde, der heutige 10. Sonntag nach Trinitatis ist, sie haben es vorhin gehört, der so genannte »Israelsonntag«. Das ist ein spannungsreiches Thema, denn es geht darum, dass wir über die Grundlagen unseres Glaubens nachdenken.

Die Bezeichnung Israelsonntag ist auffällig. Vielleicht fragen sich jetzt einige: was hat denn unser Glaube damit zu tun? Und etliche der Alten unter uns haben die Zeiten des Nationalsozialismus erlebt, als alle Juden mit gelben Judensternen gebrandmarkt und durch den sogenannten »Arierparagraphen« aus allen öffentlichen Ämtern gepresst wurden.

Was damals geschehen ist, die gezielte Ermordung von Millionen, ist uns allen bekannt. Es ist eine schreckliche, doch erschreckenderweise auch eine unliebsame Vergangenheit, die viele lieber nicht thematisieren. Aber ist es nicht so: wenn die Bevölkerung eines Landes unliebsame Teile der eigenen Geschichte tilgt, wie soll man dann daraus für eine bessere Zukunft lernen?

Fakt ist: Das Verhältnis zwischen Christen und Juden war von Anbeginn an spannungsreich. Im heutigen Predigttext hören wir, wie der Apostel Paulus sich zur Frage des Verhältnisses zwischen Christen und Juden äußerte. Dazu schreibt Paulus im Brief an die Römer folgendes in Kapitel 11:

Röm 11,25–32 (Luther 1984 mit Konjekturen): Ich will euch, liebe Geschwister, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Vor Urzeiten, so berichtet die Bibel, hat Gott einen Bund mit Israel geschlossen. In Jesus Christus wissen wir um einen zweiten, neuen Bund, den Gott über Israel hinaus mit allen Menschen geschlossen hat. Die Taufe ist der sichtbare Ausdruck, die einen Menschen in diesen neuen Bund mit hineinnimmt.

Doch zu allen Zeiten seitdem war die Frage: wie ist es um Gottes ersten Bund, den mit Israel bestellt? Hat er durch den neuen Bund in Jesus Christus seine Gültigkeit verloren? Müssen Juden Christen werden, um gerettet zu werden, oder können sie Juden bleiben?

Die Antwort auf diese Frage löste Streit aus. Paulus weist darauf hin: Auch Israel ist gerettet, denn Gottes Bund bleibt bestehen: »Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen«, schreibt er nach Rom und warnt die Christen vor Überheblichkeit oder dem Gedanken, Gottes Bund mit Israel könne zweitrangig oder aufgelöst sein.

Der Jude Paulus gibt vielmehr eine Zeitangabe ab: Israel wird zum Glauben an Jesus als den Christus kommen, wenn »die Gesamtheit der Nichtjuden zum Heil gelangt ist« (V. 25). Damit ist, nimmt man Paulus im Römerbrief ernst, für christliche Mission eine Zielrichtung vorgegeben, insbesondere da, wo Gemeinden sich irritierenderweise aktiv für missionarische Bestrebungen unter Juden einsetzen.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: was hat das eigentlich mit uns zu tun, und was nutzt es mir, diese theologischen Aussagen zu Israel zu hören? Schließlich bin ich Christ und kein Jude. Wozu also dieser Predigttext?

Doch ist es nicht so: »Wenn Gott wirklich nicht mehr zu den Verheißungen stünde, die er Israel gemacht hat: wie könnte er dann zu der Verheißung stehen, die er uns in Jesus Christus gemacht hat?«

Das ist doch unsere heimliche Anfechtung. Aller Glaube birgt den Zweifel in sich, das stete Fragen: Ist es wahr, was ich glaube oder ist Glaube nur eine Projektion meiner unterbewussten Hoffnungen, ein schöner Traum, der meinem Leben den Sinn gibt, der im Alltag so oft durch Routine geschluckt wird?

Eine Geschichte dazu:

In einer Tischlerwerkstatt herrscht geschäftiges Treiben. Die Maschinen laufen, der Meister, einige Gesellen und Auszubildende sind eifrig bei der Arbeit. Jeder hat seine Aufgabe, und der Meister kontrolliert streng seine Mitarbeiter. Dann muss er zu einem Kunden, um einen Auftrag zu besprechen. Er wird für einige Stunden unterwegs sein und gibt seinen Leuten genaue Anweisungen. Kaum ist er aus der Tür, beginnt eine gemütliche Plauderei. Bald werden die eine und andere Maschine abgestellt. Die Handwerker treiben allerhand Blödsinn und bald geht es über Tisch und Bänke. Ein Geselle bleibt ruhig an seiner Arbeit und beteiligt sich nicht an dem Unfug. Da geht ein Kollege auf ihn zu und muntert ihn auf: »Komm, mach mit, der Meister ist weg!« Worauf der Geselle nur sagt: »Meiner ist noch da!« und in Ruhe weiterarbeitet. (Axel Kühner)

Sie merken: Der Meister in dieser Geschichte ist Gott, und die übrigen sind wir Menschen. »Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse« – dieses Sprichwort trifft die Situation der Geschichte und es passt auch ein Stück weit auf unser Leben.

Gott ist eben nicht mehr so wie damals beim Auszug Israels aus Ägypten sichtbar, greifbar, so dass niemand ihn glauben muss, sondern alle um seine Existenz wissen dürfen. Uns heute ist es nur gegeben, Gott im Glauben zu finden, und dies ist eben immer eine Zitterpartie.

Der eine Geselle, der weitergearbeitet hat – er hatte Gott im Blick, doch für die anderen war er eben nicht da. Und ist es nicht so: meistens sind wir doch, was Gott angeht, wie die übrige Mannschaft.

Nachdem Gott sich in Jesus Christus erneut offenbart hatte – leibhaftig geworden war, da kam das Fragen nach der Geltung des Ersten Bundes, des Bundes Gottes mit Israel, wieder auf. Israel fand Gott im Tempel und später wie bei uns Christen in der Bibel – und davon haben wir ja, geht man vom Umfang des Alten Testaments aus, zwei Drittel gemeinsam.

Dass Gott zu seinen Verheißungen steht, dass er kein Wort davon zurücknimmt, dessen ist Paulus gewiss. So gilt der Erste Bund wie der Zweite fort und deshalb lesen wir ja auch das Alte neben dem Neuen Testament. Als Christen wissen wir uns in Jesus Christus in den Bund Gottes mit Israel hineingenommen.

Doch, wie gesagt, im Alltag geht uns dieser Glaube immer wieder verloren, ist der Meister wie aus dem Haus. Der Reformator Martin Luther, so wird berichtet, hat immer dann, wenn er sich so fühlte – wenn er meinte, Gott sei ihm ganz schrecklich fern, habe ihn verlasen – Luther hat dann immer einen Satz laut ausgesprochen: »Ich bin getauft«.

In einer Welt, in der Gott nicht greifbar ist, hat er uns sichtbare Zeichen seiner Nähe geschenkt: Das Abendmahl und die Taufe. Hier findet Begegnung statt, hier tritt Gott ganz dicht an uns herein und erinnert uns: »Ich bin da« (siehe Ex 3,14).

Taufe, das heißt, unwiderruflich zu Gott zu gehören, so wie Israel in Gottes Bund aufgenommen zu sein – denn dies schenkt Christus uns in der Taufe.

Und dennoch: immer wieder machen wir’s wie die Lehrlinge in der Geschichte, die den Meister absent wähnten. Immer wieder leben wir unser Leben ohne Gott, ohne Gebet und ohne Vertrauen. Viele Menschen suchen an anderer Stelle nach Offenbarung, nach Lebenssinn, nach Greifbarem, zum Beispiel im Horoskop oder der Lebenshilfeecke in der Buchhandlung.

Als Christen glauben wir: Gott ist der Schöpfer alles Seins, und er erhält es und wird es am Ende der Zeiten zur Vollkommenheit führen. Bis dahin lässt er uns den Willen und die Intelligenz, die er uns geschenkt hat, selbst gebrauchen und uns die Erde untertan sein. Und da vergessen wir Gott oft.

Freilich: es gibt neben der Taufe und dem Abendmahl Zeichen, die Gott uns immer wieder schenkt. Vom ältesten Erinnerungs- und Bundeszeichen Gottes mit den Menschen berichtet das Buch Genesis. Hören Sie dazu eine Geschichte:

Eine Familie macht einen Sonntagsspaziergang. Die Sonne meint es gut und lacht. Die Kinder sind übermütig, die Eltern froh gestimmt. Plötzlich ziehen dunkle Wolken auf, und heftiger Regen setzt ein. Das Licht der Sonne bricht sich in den dicken Regentropfen, und es entsteht ein wunderschöner Regenbogen, der den ganzen Himmel überspannt. Das kleine Mädchen ruft laut in das Staunen hinein: »Vati, für was ist der schöne, bunte Bogen die Reklame?«

Was der Vater wohl geantwortet haben mag? Vielleicht hat er seiner Tochter am Abend die Geschichte erzählt, wie Gott mit Noah nach der Sintflut gesprochen hat. Da heißt es im Buch Genesis:

Gen 8,12–17 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig:
Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.
Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.
Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe.
Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.
Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.

Ein schönes Zeichen, und wann immer wir einen Regenbogen sehen, können wir daran denken, dass er eine Bedeutung hat. Der Regenbogen ist das erste Bundeszeichen Gottes mit der ganzen Welt. Er erinnert uns daran: Gott wird diese Erde nie wieder zerstören – darin sind wir selbst ja schon selbst hervorragend qualifiziert.

So wie das Abendmahl das Zeichen der Nähe Gottes, so wie die Taufe das Zeichen der Unverbrüchlichkeit der Gnade Gottes ist, so ist der Regenbogen das Zeichen, dass Gott es gut mit uns meint.

Der Israelsonntag und die alte Frage nach dem Verhältnis zwischen Juden und Christen – das kann uns vor allem eines vor Augen führen: Dass wir alle, Juden wie Christen, gleichermaßen zu Gott gehören. Dass wir immer wieder ohne Gott zu leben versuchen und dass Gott derjenige ist, der so anders als wir Menschen unbedingt und unverbrüchlich an seinen Verheißungen festhält.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 12 Gott sei Dank durch alle Welt