Predigt über Epheser 1,20b–23

Liebe Gemeinde, vor 40 Tagen am Ostersonntag haben wir sicherlich alle im Gottesdienst der Ruf »Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!« gehört. Christus hatte den Tod überwunden und war seinen Jüngerinnen und Jüngern erschienen. War wieder da gewesen, bei ihnen. Heute erinnern wir uns an Christi Himmelfahrt, wie er seine Jünger wieder verließ, nachdem er zu ihnen gesprochen hatte. »Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.« (Apg 1,9) Zuvor hatte Jesus sie aufgefordert, in Jerusalem zu bleiben, bis dass sie den Heiligen Geist empfingen (Apg 1,4.8), was wir übernächsten Sonntag an Pfingsten feiern.

Jesus fuhr zum Himmel auf. Bibelleser wissen: das ist nichts Neues, aber etwas ziemlich seltenes. Die Genesis berichtet in der Urgeschichte von Henoch, der mit Gott wandelte und zu ihm entrückt wurde (1. Mose 5,22–24). Und im Zweiten Königebuch (2. Kön 2,1–14) wird beschrieben, wie der Prophet Elia auf einem Feuerwagen (רֶֽכֶב־אֵשׁ֙) gen Himmel fuhr. Aber diese beiden sind die Einzigen, die direkt zu Gott gekommen sind – bis auf Christus. Seine Himmelfahrt erinnert an die beiden vorigen Entrückungen: auch er wird in der Art, wie Gott im Alten Testament kommt und geht, entrückt.

Die Jünger sind anschließend allein. Sie starren ihm hinterher, bis zwei Engel sie nach Hause schicken. Jesus ist fort von ihnen. Ist im Himmel.

Doch was ist eigentlich der Himmel, oder vielmehr: wo ist der Himmel? Ist der Ort des Himmels im Blau über uns? Sind das die etwa 500 Kilometer immer dünner werdende Atmosphäre, die sich in die Schwärze des Alls verliert?

Schon König Salomo stellte sich diese Frage nach dem, was der Himmel ist. Als er in Jerusalem den ersten Tempel einweihte, dachte er an die Geschichte, die Israel bisher mit Gott gemacht hatte. An den Auszug aus Ägypten, die Landnahme, wie Israel sich im Land gegen die anderen Völker behaupten konnte. Ganz anders als die Götter der anderen Völker, die alle ihren festen Wohnort hatten, hatte er erlebt, dass der Gott Israels keine feste Stätte hatte, sondern immer seinem Volk nahe war. Er hatte ihm endlich einen würdigen Tempel bauen können. Die »Klagemauer« in Jerusalem ist heute noch ein heiliger Ort für alle Juden.

Der Tempel war ein Stück Himmel, war der Ort, an dem man Gott besonders begegnen konnte. Über den Zinnen des Tempels endete unsichtbar der Rocksaum Gottes. Dort kam er seinem Volk nahe.

Der Himmel, für Juden war es beinahe der Tempel, bis Vespasian ihn 70 nach Christus zerstören ließ. Der Himmel als der Ort Gottes verlagerte sich, fand seinen Sitz in den Heiligen Schriften und auch für uns ist die Bibel Alten und Neuen Testaments Gottes Wort und Quelle der Gotteserkenntnis.

Und diese Verheißung hat Christus selbst uns gegeben: wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Mt 18,20). Der Himmel, der Sitz Gottes – er hat seinen Ort da, wo wir Gott in unserem Leben Raum geben.

Die englische Sprache ist, ein seltener Fall, was den Himmel angeht, präziser als das Deutsche, wird da doch zwischen dem Wolkenhimmel als sky und dem Himmel als Ort Gottes, heaven, unterschieden.

Und sich diese Unterscheidung klar zu machen ist gar nicht so verkehrt. Der Evangelist Lukas, der sowohl im Evangelium (Lk 24) als auch der Apostelgeschichte (Apg 1) die Himmelfahrt Christi schildert, beschreibt, wie Christus vor den Augen der Jünger verschwand. In der Apostelgeschichte beschreibt er es so, wie wenn an einem verregneten Tag eine Wolke sich vor einen Berg schiebt und ihn vor unseren Augen verschwinden lässt. Christus ist nicht mehr auf Erden, weilt nicht mehr unter den Menschen, das ist es, was an Himmelfahrt geschehen ist.

Ein schrecklicher Gedanke, dass Gott nicht mehr da sein sollte und bis zum Pfingstfest, bis Gott im Heiligen Geist wieder unter uns Menschen gekommen und geblieben ist, waren es wohl auch zehn gottverlassene Tage. Gott, der seit den Tagen der Schöpfung, seit dem Auszug aus Ägypten nur am Tempel gewiss zu finden war, er war in Jesus Christus so greifbar und erfahrbar wie nie zuvor geworden und hat sich am Himmelfahrtstage doch auf die bis dahin größte Distanz zurückgezogen.

Uns kommt er im Geist nahe und in der Taufe empfangen wir diesen Heiligen Geist Gottes als Schatz und Kraftquelle für unser ganzes Leben, als die Verheißung Gottes an uns der da spricht: Ich verlasse Dich niemals.

Der Predigttext aus dem Epheserbrief, Kapitel eins, beschreibt das neue Verhältnis zwischen uns und Christus. Da heißt es im Epheserbrief von der Kraft, die Gott in Christus bewirkte:

Eph 1,20b–23 Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Himmelfahrt, das heißt, das Gott sich wieder in die Transzendenz zurückgezogen hat, dass er, der in Christus so fassbare Gott, nun wieder nicht mit Händen, Augen und Ohren, sondern im Glauben erfahren werden kann. Oder im Abendmahl, was wir am Sonntag feiern werden.

Doch eine greif- und fassbare Größe hat Gott auf Erden zurückgelassen, daran erinnert uns der Predigttext. Doch was ist das für eine greif- und fassbare Größe! Sie ist nicht wie ein beleuchtetes Hinweisschild auf die Straße zu Gottes Heil, sondern mehr wie ein verbeulter, rostiger Pfeil, der so einigermaßen auf die Richtung zu Gott zeigt. Es ist »seine Gemeinde«, heißt es im Epheserbrief, also die weltweite Kirche.

Wir, jede und jeder unter uns ist Kirche. Es gibt ja nicht »die Kirche«, die dann so schön in der Innenstadt steht und die Hauptamtlichen repräsentieren sie, sondern wir sind alle gleichermaßen Kirche.

Und, was meinen sie? Sind wir Leib Christi, sind wir wie ein unübersehbarer Wegweiser, der den Weg zu Gott anzeigt? Ich meine: daran kann man zweifeln!

Gott »… hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt« hörten wir eben aus dem Epheserbrief. Wir als Leib Christi, das ist ein schönes Bild. In unserer Gemeinschaft soll Gott greifbar werden, soll er erkannt werden. Unter uns soll ein kleines Stück Himmel erfahrbar sein.

Sie merken: die Latte liegt höher, als wir vielfach springen können. Martin Luther formulierte es anschaulich: Kirche, wir, das ist die Gemeinschaft der begnadigten Sünder. Kirche, das ist die Gemeinschaft derjenigen, die sich auf den Weg gemacht haben, aber noch nicht am Ziel angekommen sind. Kein Wunder also, dass Kirche als Leib Christi noch der ein oder anderen Schönheitsoperation bedarf, um als das erkennbar zu werden, was sie sein soll.

Dieser Himmelfahrtstag kann uns daran erinnern, dass wir als Kirche nur ein Ersatz für den greifbar auf Erden seienden Christus sind. Und ein Ersatz ist eben niemals so gut wie das Original.

Lassen Sie sich beim Ehrgeiz packen: was können wir als Gemeinde, als Leib Christi tun, um den Worten des Epheserbriefes besser gerecht zu werden, um eben mehr Leib und weniger ein Ansammlung von Glieder zu werden, um uns vom Haupt Jesus Christus mehr auf ein gemeinsames Ziel hin ausrichten zu lassen?

Vieles Gute ist bei uns vorhanden. Vielleicht wäre es ein erstes, wenn wir begännen, mehr aufeinander und unsere Umwelt acht zu haben. Antike Schriften berichten über die Christen, dass sie Liebe untereinander haben. Denken Sie jetzt nicht an die 60er Jahre und die Hippie-Zeit, sondern an eine Gemeinde, in der die Menschen füreinander da sind, füreinander beten und einander helfen. Das wäre ein guter Anfang. Er hieße, unsere eigene Kleingeistigkeit, unser oft engstirniges »zuerst ich und dann die anderen«-Denken in ein »was ist gut für uns alle« zu verkehren.

Beten Sie für diese Gemeinde! Beten Sie für die Menschen darin! Wo wir damit intensiver anfangen, da wird die Gemeinde sich verändern, weil wir uns zu verändern beginnen. Wo wir das tun, da werden wir mehr ein Leib als viele einzelne Glieder. Und das heißt, ein vom Haupt Jesus Christus gelenkter Körper zu sein.

Das ist der Unterschied zwischen »der Kirche«, die ein nettes Gebäude mit ein paar Mitarbeitenden drumherum ist, die die Arbeit tun und der Kirche, die Leib Christi ist: letztere ist eine Gemeinschaft, in der die Menschen miteinander ein gemeinsames Ziel verfolgen. Welche Gestalt Kirche hat, das bestimmen wir mit. Wo wir »die Kirche im Dorf sein lassen«, da ist Christi Himmelfahrt eine Abreise, ein Fortgehen. Doch wo wir uns selbst als Kirche, als Teil der Gemeinde verstehen, da können wir erleben, dass Christus lebendig in unserer Mitte ist, können als sein Leib leben und handeln und Strahlkraft in der Welt haben. Ein wenig weiter auf diesem Weg bringe uns Gott!

Ein Letztes: Im Predigttext war von der Kraft die Rede, die Gott in Christus bewirkt und ihn so vom Tode auferweckt hat. Im Griechischen steht dazu ein Verb, das Sie alle verstehen: energäsen (Ἣν ⸀ἐνήργησεν …) – unser Wort »Energie« kommt davon. Es bedeutet, wirksam zu werden, etwas hervorzurufen. Und diese Kraft, diese Energie, gibt Gott auch uns dazu, dass wir immer mehr sein Leib werden. Er selbst macht uns dazu, wo wir ihn nicht hindern, wo wir ihn machen lassen.

Wo wir lernen, nicht zuerst auf uns selbst, sondern auf uns als Gemeinde zu sehen, wo wir füreinander beten, da öffnen wir uns für Gottes Handeln an uns und werden in aller Unvollkommenheit zu dem, als was uns der Epheserbrief beschreibt: als Leib Christi, in dem er in dieser Welt greifbar und erfahrbar wird.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.