Predigt über Hebräer 13,20–21

Liebe Gemeinde, Ludolf Ulrich erzählt folgende Geschichte:

Auf dem Bahnsteig 17.10 Uhr. Es regnete. Ein Betrunkener mit einer Bierflasche wankt auf mich zu. Ich will mich abwenden, da tippt er mit seiner Flasche gegen meine Brust und fragt: »Glaubst du an Gott?« Darauf bin ich nicht gefaßt. Soll es ein Witz sein? Mir ist die Sache peinlich. Aber ich kann ihm nicht ausweichen. So sage ich unüberlegt, spontan: »Ja!« Ich will noch weiterreden, erwarte die Reaktion ›Na, dann zeig ihn mir mal!‹ Aber er sagt nur: »Mensch, hast du es gut!« Erst in diesem Augenblick schaue ich ihn richtig an. Sein Gesicht ist müde, kaputt.

Müde und kaputt und ohne Gott – so fühlt sich dieser Mensch, der im Alkohol statt Zuflucht nur Verstärkung aller Schwierigkeiten findet. Und der, der an Gott glaubt – ihm ist ganz unbehaglich zumute.

Der heutige Sonntag Misericordias Domini hat seinen Namen von Worten des 33. Psalms: Die Erde ist voll der Güte des HERRn. (Ps 33,5b) Darum geht es: zu begreifen, dass Gott trotz aller Beschwernisse unseres Lebens wie ein guter Hirte ist, der gütig und gnädig mit uns umgeht – gerade da, wo wir müde und zerschlagen sind.

Doch Gott ist mehr als nur so etwas wie ein guter Hirte. Die Bilder sind austauschbar, und angesichts unserer Lebenswelt wirkt das Bild vom Hirten vielleicht sogar so rustikal, dass wir damit nichts mehr anfangen können. Mit dem Bild vom Hirten ist jemand gemeint, der für die ihm Anvertrauten wie eine gute Mutter oder ein guter Vater ist. Gute Eltern sind für ihre Kinder da, haben und nehmen sich persönlich Zeit, führen ihre Kinder zum Besten.

Das Hirtenbild steht eben dafür. Im Predigttext aus dem dreizehnten Kapitel des Hebräerbriefs wird der Zusammenhang zwischen uns Menschen und Jesus Christus so beschrieben:

Hebr 13,20f Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Christus als der Hirt seiner Herde, seiner weltweiten Kirche – durch ihn soll Gott uns, die wir zu ihm gehören, einiges geben:

  • er soll und fähig »zu allem Guten« machen,
  • soll bewirken, dass wir Gottes Willen erfüllen und
  • soll uns durch Christus so verwandeln, dass wir ihm gefällig sind.

Es ist eine ehrgeizige Agenda, die der Hebräerbrief da Gott, ausgeführt durch Jesus Christus, ins Pflichtenheft schreibt. Fromme Wünsche sind es, die Menschen da Gott für ihre Mitmenschen antragen, und wie es mit frommen Wünschen ist, das wissen wir alle: all zu oft sind die Ziele solcher Wünsche maßlos und viel zu hoch gesteckt, als dass sie erfüllt werden könnten.

Nur gut, dass es Gott ist, der die Ziele dieser frommen Wünsche erreichen soll, denn bei ihm sind schließlich alle Dinge möglich.

Doch wie ist das mit uns? Der Knackpunkt ist doch, dass Gott unsere Entscheidungen ernst nimmt, dass er nicht gegen unseren Willen mit uns tut. Lassen wir zu, dass Gott uns zu allem Guten befähigt, dass er uns seinen Willen erfüllen lässt; und lassen wir uns so verändern, dass wir dem Menschenbild Gottes entsprechen?

Nein, das ist die einzig ehrliche Antwort, das tun wir nicht. Zumeist sträuben wir uns und machen, was WIR wollen. »Glaubst Du an Gott«, hieß eben die Frage in der Geschichte, und das »Ja« wurde mit einem »Mensch, hast Du’s gut« quittiert.

Wo wir an Gott glauben, da sind wir auf dem Weg, uns verändern zu lassen und, aller Durchsetzung unseres eigenen Kopfes zum Trotz, arbeitet Gott an uns weiter – behutsam wie ein guter Hirt und nicht wie ein Schmied, der mit kräftigen Hammerschlägen den Rohling formt, bringt er uns schon in diesem Leben näher zu sich. »Die Erde ist voll der Güte des HERRn …« (Ps 33,5)

Ja, Gott verändert uns doch so, wie es der fromme Wunsch im Hebräerbrief andeutet. Er selbst ist zu uns gekommen, um die Distanz durch Nähe aufzuheben. Er selbst kommt im Heiligen Geist in unser Leben, wo wir ihn einlassen. Er selbst will uns Kraft geben, wo wir nur noch am Ende und müde sind. »Mensch, hast Du’s gut!«

Und, wie gesagt, Gott tut das alles nicht mit Brachialgewalt. Lassen Sie mich dazu eine Geschichte erzählen:

Es hatte ein König viele Weingläser. Er sprach zu sich selber: Wenn ich Heißes in die Gläser gieße, zerspringen sie. Gieße ich aber sehr Kaltes hinein, so bekommen sie viele Risse.
Was tat der König? Er vermengte Kaltes mit Heißem und gab es in die Gläser; und sie blieben ganz.
So auch der Herr am Anfang der Zeit. Er sprach: Baue ich die Welt allein auf Barmherzigkeit auf, nimmt die Sünde überhand. Lasse ich aber die Härte des Gesetzes allein walten, wie wird da die Welt bestehen?
Ich will sie nun auf Milde und Strenge zugleich begründen, und, ach, dass sie dann bestehe … — jüdische Sage.

Beides ist wichtig – sowohl die barmherzige Milde, die Fehler nicht anrechnet, als auch die Strenge, die aus einem X kein U macht.

Gott lebt das Beides: die Strenge seines Gesetzes hat er in Christus selbst erfüllt, damit für unser Versagen ein Ausweg bereit steht. Wir haben diese Option, uns an Christus zu halten – allein, das müssen wir dann auch tun, wenn wir Gottes Barmherzigkeit in Anspruch nehmen wollen. »Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht« (Jes 7,9b) fasst der Prophet Jesaja es anschaulich zusammen, denn auch der »liebe Gott« lässt nicht »mit sich Schlitten fahren«, lässt sich nicht auf der Nase herumtanzen. Und doch: er bleibt uns zugewandt, auch wenn wir uns oft abwenden und unsere Gottesbeziehung Risse und Löcher aufweist.

Friedrich von Bodelschwingh erzählt aus seiner Kindheit: »Als im Herbst das Obst reif an den Bäumen im Garten hing, hatte uns der Vater streng verboten, auf die Bäume zu klettern. Wir durften nur von den heruntergefallenen Früchten essen. Aber einmal hatte ich das Verbot doch übertreten und war heimlich auf einen Baum geklettert. Dabei zerriss ich mir unglücklich den Hosenboden. Heimlich schlich ich mich mit einem bösen Gewissen nach Hause. Dabei drehte ich mich immer so geschickt, dass keiner den Schaden entdecken konnte. Nach dem Abendbrot ging ich in mein Zimmer, besah dort erst richtig voll Entsetzen die zerrissene Hose und legte sie zuunterst auf den Stuhl, alle anderen Kleidungsstücke geschickt darüber. Dann kniete ich am Bett nieder, um mein Abendgebet zu sprechen: ›Lieber Gott, ich bin heute ungehorsam gewesen. Vergib es mir doch und mach, dass morgen früh meine Hose wieder heil ist!‹ In diesem Augenblick ging meine Mutter an der Kinderzimmertür vorbei, blieb einen Augenblick stehen und hörte mein Gebet. Dann ging sie lächelnd weiter. Dem Vater sagte sie nichts. Sie wollte eine Handlangerin Gottes sein. Als ich fest eingeschlafen war, nahm sie die zerrissene Hose und machte sie wieder heil. Dann legte sie die Hose so hin, wie sie unter dem Berg von Kleidern gelegen hatte. … Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Griff nach der Hose. Welch ein Wunder, die Hose war wieder in Ordnung! … Ich weiß noch wie heute, dass dieses Erlebnis, wo Mutter ein Engel gewesen war, meinen Kinderglauben mächtig stärkte.«

Wie es um Gottes Hirte sein bestellt ist, deutet von Bodelschwingh mit der Geschichte über seine Mutter an. Gott ist kein jähzorniger Richter; er ist nicht der grausame, alles sichtende und vernichtende Ankläger, der einzig darauf aus ist, zu strafen, wie Friedrich Nietzsche in ihm wähnt (vgl. Nietzsches Also sprach Zarathustra: Der hässlichste Mensch). Gott ist derjenige, der unserem Versagen und unserer Ich-Sucht in Liebe begegnet. In Christus hat er das Alles sich selbst aufgebürdet und es getötet, es aus der Welt geschafft.

Misericordias Domini – dieser Sonntag zeigt mit seiner Nähe zum Osterfest, wie es um Gottes Güte zu uns bestellt ist. Lieber ging er selbst in den Tod, als dass er uns sterben ließe.

Dass wir tüchtig zu allem Guten seien, das wünscht sich der Verfasser des Hebräerbriefs. Wo wir in einer erbarmungslosen Welt die Liebe Gottes in uns tragen und wirken lassen, da erfüllen wir seinen Willen. Gelegenheiten gibt es genug, und auch wir können immer wieder Gelegenheiten entdecken, wo wir für andere Menschen gute Hirtin, guter Hirte sein können. Das heißt: »Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor […] Gott.« (Mi 6,8) Und eben dazu helfe er selbst uns in seinem Heiligen Geist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.