Predigt über Hebräer 12,1–3

Liebe Gemeinde,

Eine reiche Dame, die auf Erden eine große Rolle gespielt hatte, kam in den Himmel. Petrus empfing sie, führte sie ein und zeigte ihr eine schöne Villa: »Das hier ist die Wohnung Ihres Dienstmädchens.« Da dachte die Dame, wenn mein Dienstmädchen schon eine so schöne Wohnung hat, was werde ich dann wohl bekommen? Bald danach zeigte ihr Petrus ein anderes, ganz kleines, armseliges Haus und sagte: »Das dort ist Ihre Wohnung.« Empört meinte die Dame: »Darin kann ich doch nicht wohnen.« Petrus erwiderte: »Tut mir leid, aber mit dem Material, das Sie uns geschickt haben, konnten wir nicht mehr bauen.« (Bischof Fuller Sheen)

Eine ganz schön bedenkliche Geschichte habe ich Ihnen da erzählt. Bei dieser Dame ist wohl einiges im Leben schief gegangen. Nun ja: nach den Maßstäben der Welt war sie eine Dame, nicht bloß eine Frau. Sie »war jemand«, genoss Ansehen, hatte Geld. Allein: Hatte sie eine Beziehung zu Gott? Hatte sie Glaube?

In der heutigen Predigt geht es um Glaube, vielmehr: um unseren Glauben: Wie kommen Menschen eigentlich zum Glauben? Das ist unter Religionssoziologen und Theologen eine gern gestellte Frage. Freilich: Die Antwort gibt es darauf nicht. Ein Sprichwort heißt: Die Wege des Herrn sind unergründlich – und ebenso, wenn nicht unergründlich, doch vielfältig sind die Wege, die der Heilige Geist Menschen auf den Weg zum Glauben führt. Wie ist das bei Ihnen, in ihrem Leben?

Doch die Frage ist weniger: wie viel Glaube schenkt und Gott durch seinen Heiligen Geist als vielmehr: was machen wir damit? Wo leben wir das?

Im Predigttext für den heutigen Sonntag Palmarum – er steht im Hebräerbrief – geht es um diese Frage. Die Gemeinden, an die der Hebräerbrief ging, waren im Glauben angefochten. Handfeste Nachteile und Verfolgung durch die geistige Strömung im römischen Imperium hatten die Christen zu erleiden. Viele Christen haben es damals wie die Dame aus der Geschichte eben gemacht: sie haben Gott links liegen gelassen – zwar weniger aus einer durch Luxus wie in Watte verpackten Gleichgültigkeit, sondern aus dem Erleben: Glaube kostet in einer Gesellschaft, in der Religion Bedeutung hat, einiges – nicht an Geld, aber an Prestige, Freiheit und Akzeptanz. So waren viele im Glauben müde geworden.

Der Abschnitt des Hebräerbriefs, in dem der Predigttext steht (Hebr 10,19–13,17), nimmt diese Schwierigkeiten auf. Da werden die Leute erinnert: ihr habt euch euren Glauben schon einiges kosten lassen, weil ihr erkannt habt, welche Dimension Glaube für euer Leben und darüber hinaus hat. Und dann wird erzählt, wie andere Menschen ihren Glauben gelebt haben, was ihnen das ermöglicht hat. Da wird vom frommen Henoch erzählt, den Gott zu sich geholt hatte; von Noah, den Gott wegen seines Vertrauens gerettet hat, von Abram, der Gottes Ruf folgte, von Sara und Rahab, die Gott vertrauten und vielen anderen. Von diesen Glaubensvorbildern spricht der Predigttext im zwölften Kapitel des Hebräerbriefs, ich lese Martin Luthers sprachlich modernisierte Fassung:

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. — Hebr 12,1–3

Lasst den Mut zum Glauben nicht sinken! Das ist die Hauptbotschaft an die Briefempfänger damals, das ist die Hauptbotschaft an uns heute.

Ich möchte einmal ganz polemisch und etwas überzogen einen Eindruck schildern, der mir an unserer Gesellschaft aufgefallen ist: Christ sein ist heute in Deutschland für viele Menschen nicht mehr »cool«; es muss schon eine gehörige Portion Atheismus, ein bisschen Buddhismus mit einem Eckchen transzendentaler Meditation sein, unter Voraussetzung eines günstigen Horoskops, dann stimmt es heutzutage – vorausgesetzt, Salzlampe und Rosenquarz fangen alle bösen Schwingungen aus der Luft. Fakt ist: Aberglaube blüht in Deutschland wieder stark auf und ist salonfähig.

Christsein ist für viele Menschen hingegen etwas, das unter »Kultur« läuft und neben schönen Zeremonien wenig Bedeutung hat. Liebe Mitchristen: unser Glaube ist auf dem Prüfstand. Vielleicht sollten wir es bei all den Strömungen, die christlichen Glauben verwerfen, so handeln wie Kurfürst Friedrich II.:

Der »alte Fritz« bekam eines Tages eine Akte vorgelegt, in der die Absetzung eines Pastors verlangt wurde: der sei ein Freigeist und habe erklärt, dass er an die Auferstehung und an den Jüngsten Tag nicht glaube.

Der König setzte an den Rand der Eingabe eine seiner berühmten Notizen:

»Ist Seyne Sache! Wenn Er nicht auferstehen will, so soll Er doch Meynetwegen am Jüngsten Tage liegenbleiben!« (Gisbert Kranz: Schmunzelkatechismus, Eine heitere Theologie, München 6. Auflage 1996, 15.)

Angesichts unterschiedlichen Glaubens in unserem Land sollten wir als Christen unseren Glauben leben und nicht verstecken. Was sind denn schließlich unsere Anfechtungen? Doch Widerstand, Spott und Trägheit. Nein: Sollen die anderen glauben, was sie wollen: wir wissen, woran wir sind, das illustrierte der Preußenkönig doch schon recht anschaulich. Müde im Glauben werden, wie es Empfänger des Hebräerbriefs wohl geworden waren, sollen wir eben nicht, vielmehr weitererzählen, wo Menschen auf der Suche nach Gott auf seltsame Abwege geraten sind.

Schließlich: Glaube ist das Mittel, mit Gott in Beziehung zu treten. Wo wir unseren Glauben leben, da verleiht der Geist uns die nötige Gewissheit. Der Predigttext weist auf die »Wolke der Zeugen« hin. Im griechischen heißt das viel schöner »Nebel der Märtyrer« (νέφος μαρτύρων). Das Bild der Zeugenwolke steht für die große Menge an Menschen, die mit Gott gelebt haben und von ihm ihre Kraft bekommen haben, auch in schwierigen Situationen auszuhalten. Damit erinnern die Verfasser des Hebräerbriefs die Gemeinden: Ihr seid nicht so allein in einer Welt voller anderer Geisteshaltungen, wie ihr meint – erinnert euch daran: Gott hat viele Kinder, und Christenmenschen haben viele Geschwister.

Der Predigttext hält noch ein anderes Bild bereit, er schildert Jesus Christus als Anfänger und Vollender des Glaubens. Er ist A und O, Anfang und Ende.

Und so passt dieser Text an den heutigen Palmsonntag. Palmsonntag hat doch den Einzug Jesu in Jerusalem zum Thema. Dieser Tag, dieses Tor, das Jesus durchritten hat: es ist auch für uns eine Schwelle, nicht nur in die Karwoche, sondern auch in unserem Glaubensleben.

Was Jesus damals getan hat, war für die Welt mehr als eine Schwelle: es war ein Abgrund, den Christus überquert hat. Durch Galiläa war er mit den Jüngern gezogen und hatte das Reich Gottes verkündet – gegen alle Widerstände hatte er den Menschen von Gottes Liebe erzählt. Er wusste, was ihn in Jerusalem erwarten würde; drei Mal hatte er es seinen Jüngern angekündigt: »Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden […] und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.« (Mk 8,31)

Das wirklich Spannende ist aber doch, dass Jesus die Schwelle in die Höhle des Löwen überquert hat. Er ist nicht etwa nach links abgebogen und nach Jericho geritten. Sein Weg ging vorwärts, sehenden Auges in das Jerusalem hinein, das der Ort seines Todes sein würde.

Die Frage ist doch: was hat ihn bewogen, trotzdem zu gehen?

Die Antwort heißt: Wir sind es – wir, die immer wieder auf anderen Wegen gehen und ihm nicht nachfolgen. Für uns hat er diesen Schritt getan, denn wir sind ihm nicht nur wertvoll: wir sind Gott unendlich kostbar.

Und schließlich: Er hat den größten Abgrund alles Lebens überwunden – für uns ist er auferstanden. Das ist das Geheimnis unseres Glaubens: dass Gott für uns ans Kreuz gegangen ist und nicht davongelaufen ist und dass er den Tod überwunden hat und auch uns das schenkt.

Der Predigttext stellt ihn der Wolke der Glaubenszeugen bei und ruft uns auf, auch Zeugin, Zeuge zu sein. Doch wenn Sie jetzt nur einen Anspruch hören, den Sie kaum zu meistern meinen, lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen:

In einer chassidischen Geschichte erzählt Rabbi Susja: »In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: ›Warum bist du nicht Mose gewesen?‹ Man wird mich vielmehr fragen: ›Warum bist du nicht Susja gewesen?‹ Man wird mich nicht fragen: ›Warum hast du nicht das Maß erreicht, das der größte und gewaltigste Glaubende unserer Religion gesetzt hat?‹ Sondern man wird mich fragen: ›Warum hast du nicht das Maß erfüllt, das Gott dir ganz persönlich gesetzt hat? Warum bist du nicht das geworden, was du eigentlich hättest werden sollen?‹« (W. Hoffsümmer: Kurzgeschichten)

Märtyrer müssen wir keine sein, doch unseren Glauben nach Kräften in der Welt zu leben, das ist uns aufgetragen. Dass das in einer Welt vollzähliger Weltanschauungen und dem Götzen der Ökonomie schwierig ist, ist augenfällig. Auch wir stehen immer wieder vor Schwellen und müssen uns entscheiden, ob wir sie überqueren oder ob wir lieber umdrehen oder in eine andere Richtung abbiegen. »lasst uns laufen mit Geduld«, rät der Predigttext und fährt fort: »in dem Kampf, der uns bestimmt ist und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens … Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.«

Ein hehrer Rat, sind wir doch selbst die Sünder, die oft in Widerspruch zu Gott stehen. Und doch: so wie Palmsonntag die große Schwelle in die Karwoche ist, so wie Jesus Christus ein Schlussstrich Gottes Plan machte und nicht davonlief, so erinnert uns der Predigttext daran, was Gott sich seine Liebe zu uns hat kosten lassen. Lassen Sie uns ihn im Blick halten, gegen alle Schwierigkeiten dieser Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.