Predigt über Markus 10,13–16

Liebe Gemeinde, in der heutigen Predigt geht es noch einmal um das Thema Segen. Am letzten Sonntag haben wir von dem alttestamentlichen Seher Bileam gehört, der Israel verfluchen sollte und es dann gesegnet hat. Wir haben gehört: Segen und Fluch sind Lebensmächte, sind auf Zerstörung und andererseits auf Erbauung aus.

Heute hören wir, wie Jesus Christus mit Segen umgegangen ist. Ich lese aus dem Markusevangelium, Kapitel 10, die Verse 13 bis 16:

Mk 10,13–16 (Luther revidiert 1984) Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

Sicher kommt Ihnen dieser Text vertraut vor. Wir hören ihn gewöhnlich bei Taufen als Lesung, er wird sogar als »Kinderevangelium« bezeichnet.

Wer darf zu Jesus kommen? Wem gilt Gottes Segen?

Was der Evangelist Markus da berichtet, erscheint ja ganz unscheinbar. Eltern – es werden wohl Mütter gewesen sein – brachten ihre Kinder zu Jesus. Jesus war auf dem Weg nach Jerusalem, hatte Rast in einem der Orte des Landes Juda gemacht. Die Leute wollten ihn sehen und hören, denn sein Ruf als einzigartiger Prediger, Heiler und Prophet Gottes war ihm vorausgeeilt.

Die Mütter drängen sich zu ihm vor. Jesus soll ihre Kinder segnen. Und dann geschieht, womit keine gerechnet hat: Die Jünger Jesu treten ihnen in den Weg: »Ihr Frauen, verschwindet! und nehmt Eure Blagen mit; los, macht, dass ihr wegkommt! Ihr seht doch, dass Jesus gerade eine wichtige Rede hält!« Und vielleicht haben die Jünger ja noch so etwas gesagt wie »Die Kinder machen doch nur Krach und stören! Nachher können die Leute die Hälfte wegen der Unruhe nicht verstehen; das geht doch nicht.«

Die Frauen erschrecken. Sie merken: gegen die Jünger kommen sie nicht an. Ärger keimt in ihnen auf, doch sie senken die Schultern, machen sich auf dem Weg nach hinten, hinter die Männer zurück.

»Jakobus! Matthäus! Was macht ihr denn da? Lasst die Frauen in Ruhe; lasst die Kinder mal zu mir kommen!«

Die Jünger trauen ihren Ohren nicht. »Was ist das denn schon wieder? Aussätzige, Kranke, Zöllner und Bettler – und jetzt will Jesus nicht nur schon wieder mit Frauen reden, sondern auch noch mit Kindern! Hach, ihm nachzufolgen ist aber auch wirklich nicht einfach.« Frauen und Kinder! Seit wann unterhielt sich ein Mann mit Kindern? Die waren für die Feldarbeit gut, oder sollten den Mund halten – schließlich waren sie, die Jünger als Kinder auch nur und ausschließlich brav und ruhig gewesen. Das waren noch Zeiten gewesen! Und nun das!

Jesus muss seinen Jüngern an den langen Gesichtern angesehen haben, was sie dachten. Und er setzte ihnen, die so in den gesellschaftlichen Konventionen und Rollenvorstellungen verwurzelt waren, noch eins drauf: »Solchen Menschen gehört das Reich Gottes. Hört mal, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind empfängt, der wird nicht hineinkommen. Also, schickt gerade sie zu mir!«

Jesus wertete die Kinder, die in (seiner) Zeit nicht viel galten, gewaltig auf. Ihnen gilt Gottes gute Nachricht von Menschen allen Alters zuerst! Und dann breitete Jesus seine Arme aus und segnete die Kinder. In seiner Geste – die Lutherbibel übersetzt »und er herzte sie« – wird deutlich: Jesus wendet sich den Kindern zu, bricht mit aller Distanz, auch mit den gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit.

Liebe Gemeinde, es ist schon spannend: Gerade die Kinder will Jesus bei sich haben, sie segnet er und ihnen, die auch mal seine Rede stören und Unruhe verbreiten, spricht er die höchste Kompetenz zu, wenn es um Gottes Reich geht. Um uns Erwachsene geht es ihm erst in zweiter Linie – wir sind es, die sich bei Jesus hintan zu stellen haben. »Wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind empfängt, bleibt draußen« sagt er seinen Jüngern. Ganz schön deutlich. Das haben die Jünger dann auch verstanden. Sie kannten das Wort aus dem 127. Psalm ja auch: »Kinder sind ein Geschenk Gottes!«

Gerade sie sind Gott willkommen und das, obwohl sie Gott nichts zu bringen haben. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb Christus die Kinder so hochschätzt: weil sie eben noch nicht die Boshaftigkeiten, zu denen wir Erwachsenen immer wieder neigen, im Herzen haben.

Vorhin haben wir im 24. Psalm gebetet:

Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört:
der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.

Kleine Kinder sind in ihrer Unverdorbenheit dem Bild, in dem Gott uns Menschen geschaffen hat, noch am ähnlichsten. Und so hat Jesus seine Jünger damals rasant kaltgestellt, sie mit harten und deutlichen Worten zur Ordnung gerufen, als sie die Kinder von ihm fernhalten wollten.

Gerade ihnen gilt sein Segen und, liebe Gemeinde, dies wird umso deutlicher, weil dies wirklich die einzige Bibelstelle ist, die davon berichtet, dass Jesus gesegnet habe.

Was kann Gottes Segen in meinem Leben bewirken? Wie kann ich mit Segen umgehen?

Bei uns werden nicht nur die Kinder gesegnet, sondern wie es schon zu allen Zeiten im Volk Israel und der Kirche gewesen ist, alle Menschen. Doch was bedeutet Segen eigentlich, wozu soll das gut sein? Hören wir, wie Segen in der Bibel verwendet wird und wie er da verstanden wird:

Im Alten Testament wird Segen zumeist als das, was unser Leben reich und schön macht verstanden: Kinder, fruchtbare Äcker und reiche Ernten oder ein hohes Lebensalter gelten als Segnungen.

Im Neuen Testament ist Segen zum Beispiel die heilende Kraft, die von Jesus Christus ausgeht. Doch mehr noch:

  • Christus segnet Brot als das Grundnahrungsmittel schlechthin (z.B. Lk 9,16)
  • Er sendet seine Jünger aus, zu heilen (Lk 9,2)
  • Paulus segnet die römische Gemeinde mit der Fülle des Segens Jesu Christi (Röm 15,20)
  • Uns fordert Christus auf, sogar die zu segnen, die uns schlecht gesinnt sind (Lk 6,28)

Unser deutsches Wort »segnen« hat sogar eine christliche Herkunft: es kommt vom lateinischen crucere signare, »das Kreuz zeichnen«, denn in der Kirche war es schon ganz früh Brauch, den Segen mit dem Kreuzzeichen zu verbinden – noch bevor es in unserer Sprache ein Wort dafür gab. Wir kennen den Brauch, bei Taufen den Täufling mit dem Kreuz zu bezeichnen und bei unseren römisch-katholischen Geschwistern ist es Brauch, sich selbst mit dem Kreuz zu bezeichnen.

Der Bonner Praktische Theologe und Religionspädagoge Michael Meyer-Blanck, dessen Artikel im Evangelischen Taschenkatechismus eine gute Lektüre für den Hausgebrauch ist, weist auf die Herkunft unseres heutigen Umgangs mit Segen hin:

Zu Martin Luthers Zeit, an den Ausläufern des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit wurde alles und jedes gesegnet. Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Gegenstände wie Waffen, Äcker, Gebäude, Kräuter, Wasser, das Wetter und so weiter. Die Menschen verstanden in Folge Segen vielfach als etwas Magisches: viele dachten, dass Segen etwas im Gesegneten verändere. Gesegnete Gegenstände dienten vielfach als Medizin.
Um dem in den Aberglauben abrutschenden Verständnis von Segen zu wehren, beschränkte Martin Luther den Segen auf den Gottesdienst und Taufe und Abendmahl als Sakramente und korrigierte das Segensverständnis so wieder in eine gute Richtung. Gesegnet werden können nur Menschen, das unterstrich Luther nochmals, nicht Tiere oder Gegenstände. Die protestantischerseits mögliche Einweihung von Orgeln oder Kirchen zum Beispiel hat mit Segen oder Weihe nichts zu tun, sondern ist als ordnungsgemäße Ingebrauchnahme zu verstehen.

Meyer-Blanck merkt an, dass Segen bei uns Protestanten in Folge weitgehend »klerikalisiert« worden sei: den Segen spricht am Ende des Gottesdienstes die Pfarrerin oder der Pfarrer, andere evangelische Christen hingegen nicht. In der Katholischen Kirche gibt es zum Beispiel den schönen, wenn auch seltener werdenden Brauch, dass Eltern oder Großeltern ihre Kinder segnen, wenn diese sich auf den Weg in die Schule machen.

Ich meine mit ihm: es wäre schön, wenn auch wir zu einer reicheren Segenspraxis kämen und damit bin ich bei der Frage zurück, was Segen bedeutet und wozu er gut ist.

An der Kindersegnung Jesu, der sie davor noch umarmt, sehen wir, das Segen vor allem eines ist: Segen eröffnet Beziehung zu Gott. Segen ist der Wunsch alles Guten und wird im Namen des dreieinigen Gottes ausgesprochen. Das Neue Testament kennt für das Wort segnen das Verb εὺλογει̃ν. Man kann es nicht nur mit segnen übersetzen, sondern auch mit Dank sagen oder loben.

Segen heißt, die Zusage alles Guten, das Gott für uns wünscht, zu empfangen und zugleich seinerseits mit Gott in Kontakt zu treten: Wir können Gott für alle Bewahrung danken. Dieses lebendige Beziehungsgeschehen ist auch der Grund, warum die Segnung von Sachen oder Tieren ausscheidet.

Zugleich heißt Segen, dass der Segnende und Gott in Beziehung treten, der Segen Gottes durch den Segnenden weitergereicht wird. Sich selbst kann man nicht segnen, sondern nur aus dem Schatz der Liebe Gottes an andere weiterschenken.

Tun Sie das doch auch! Sprechen Sie Ihren Kindern oder Enkelkindern Gottes Segen zu als das, was uns Kraft schenkt. Dazu braucht es nicht vieler Worte: ein »Gott segne Dich!« genügt. In unserem Gesangbuch findet sich eine kleine Auswahl (eg RWL: ab 992, Seite 1466).

Wo wir Gottes Segen nicht nur empfangen, sondern ihn an andere Menschen weitergeben, da erinnern wir uns: Gott will uns nicht fern sein.

Segen und Taufe – hängt das zusammen?

Zuletzt: im Predigttext geht es darum, dass Jesus Christus gerade die Kinder, die leider oft als Störung im Gottesdienst angesehen werden, segnet und seine Jünger zurechtweist. Warum wird dieser als »Kinderevangelium« bezeichnete Text als Taufevangelium gelesen?

Taufe und Segen sind sich näher, als man meinen mag. Taufe, das bedeutet, zu Jesus Christus dazuzugehören und in die Verheißung, die das mit sich bringt: dass wir vor Gott bestehen können, auch wenn wir immer wieder schlecht gegenüber Gott und unseren Nächsten handeln.

Gottes Segen, den wir als Christinnen und Christen eben nur als Segen des dreieinigen Gottes verstehen können, kann uns an das große Versprechen Gottes bei unserer Taufe erinnern und ermutigen, mehr in seinem Sinne als in unserem zu handeln.

Liebe Gemeinde, Gottes Segen ist die Bekräftigung seiner Nähe und Zugewandtheit. Geben Sie aus diesem reichen Schatz an andere Menschen weiter – besonders an die Kinder. Wenn wir Gottes Segen lebendige Kraft nicht nur in unserem Leben sein lassen, werden wir uns verändern – denn unser Leben wird gesegnet sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.