Predigt über Johannes 5,1–16

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Liebe Gemeinde, erinnern Sie sich noch an 1969? Ich selber tue es nicht, denn das war vor meiner Zeit. Ein Blick in Zeitungsarchive verrät: 1969 ist ein erstaunlich volles Jahr gewesen. Nixon, Arrafat, Gaddhafi, Palme und Pompidou kamen an die Macht, genau so wie Gustav Heinemann, der in diesem Jahr Bundepräsident wurde.

Neil Armstrong setzte als erster Mensch den Fuß auf einen anderen Planeten, Boeing lieferte den ersten Jumbojet aus, in Bonn wurde der »Lange Eugen« bezugsfertig, die Sesamstraße hatte Premiere und Bayern München wurde deutscher Fußballmeister.

Sicher erinnern sich jetzt ganz viele an dieses Jahr, in dem die »wilden 68er« und die »Blumenkinder« noch ganz aktuelle Schlagworte waren. Bryan Adams hat sogar ein Lied drüber geschrieben, »Summer of ’69«. Eine kleine Ewigkeit ist das her.

Wie ist das bei Ihnen: Erinnern Sie sich an all das, was Sie seitdem, von 1969 bis heute erlebt haben? Wo sie gewesen sind, was sie getan haben, wie sich ihr Leben, ihre Familie seitdem verändert hat?

Es mag seltsam klingen, aber stellen Sie sich einmal vor, mit dem Jahr 1969 wäre es zu einem Schnitt in Ihrem Leben gekommen und sie hätten nichts von alledem, was seither geschehen ist, erlebt. 1969 und Zack, Schnitt, und heute im Jahr 2007 würde Ihr Leben wieder einsetzen. Was würden Sie tun? Würden Sie wohl zurechtkommen? Was hat sich in dieser Welt nicht alles seit ’69 alles verändert …

Wenn Sie jetzt einmal zurückrechnen, dann merken Sie: es ist eine Lücke von 38 Jahren, um die es hier geht – mehr als eine Generation dauert und besonders in einer so schnelllebig gewordenen Zeit wie heute eine Ewigkeit.

Den Bibelkundigen unter Ihnen schwant vielleicht, warum ich diese Zahl aufgreife. Im Predigttext spielt sie eine Rolle. Ich lese uns den Predigttext aus Kapitel fünf des Johannes-Evangeliums. Wir hören, was geschah, nachdem Jesus sich aus dem nördlichen Galiläa auf den Weg zur Hauptstadt gemacht hatte:

Joh 5,1–16 (Gute Nachricht Bibel) Bald darauf war ein jüdisches Fest, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. Am Schaftor in Jerusalem befindet sich ein Teich mit fünf offenen Hallen. Auf hebräisch wird er Betesda genannt. Eine große Anzahl von Kranken lag ständig in den Hallen: Blinde, Gelähmte und Menschen mit erstorbenen Gliedern.
Unter ihnen war auch ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren krank war. Jesus sah ihn dort liegen. Er erkannte, dass der Mann schon lange unter seiner Krankheit litt, und fragte ihn: »Willst du gesund werden?«
Der Kranke antwortete: »Herr, ich habe keinen, der mir in den Teich hilft, wenn das Wasser sich bewegt. Wenn ich es allein versuche, ist immer schon jemand vor mir da.«
Jesus sagte zu ihm: »Steh auf, nimm deine Matte und geh!«
Im selben Augenblick wurde der Mann gesund. Er nahm seine Matte und konnte wieder gehen. Der Tag, an dem dies geschah, war ein Sabbat.
Einige von den führenden Männern sagten deshalb zu dem Geheilten: »Heute ist Sabbat, da darfst du deine Matte nicht tragen!«
Er antwortete: »Der Mann, der mich geheilt hat, sagte zu mir: ›Nimm deine Matte und geh!‹«
Da fragten sie ihn: »Wer ist es, der dir so etwas befohlen hat?«
Aber er konnte keine Auskunft darüber geben; denn Jesus hatte den Ort wegen der vielen Menschen schon wieder verlassen.
Später traf Jesus ihn im Tempel und sagte: »Hör zu! Du bist jetzt gesund. Tu nichts Unrechtes mehr, sonst wird es dir noch schlimmer ergehen.«
Der Geheilte ging fort und berichtete den führenden Männern, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte.
Da begannen sie, Jesus zu verfolgen, weil er an einem Sabbat geheilt hatte.

Jesus geht nach Jerusalem, um zu feiern, und dann kommt alles ganz anders. Am Ende hat er die Pharisäer so maßlos gegen sich aufgebracht, dass sie ihn in die Finger kriegen wollen. »Heilen am Sabbat« wird als Vergehen genannt.

Doch war es wirklich Jesu Auslegung der Zehn Gebote, an der die Pharisäer Anstoß nahmen oder war es vielmehr, dass Jesus Machttaten ausführte, von denen sie allenfalls träumen konnten? War es nicht der Ärger über all die Menschen, die sich von Jesus begeistern ließen, ihn für wichtiger als sie, die frommen Pharisäer, nahmen?

Jedenfalls: Dass Jesus an einem Sabbat geheilt hat, das ist für die Pharisäer ein willkommener Anlass, dem populären Rabbi aus Galiläa endlich das Handwerk zu legen.

Ganz schön engstirnig, nicht wahr? Die Pharisäer müssen jedenfalls ziemlich frustriert gewesen sein, dass Jesus ihnen so das Wasser, pardon: die Leute, abgegraben hat. Denn eigentlich geht es den Pharisäern nicht nur um den Umgang Jesu mit dem Gesetz, den Zehn Geboten, sondern auch um die zu ihm übergelaufenen Anhänger.

Jesus geht es allein um die Menschen. »Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.« (Mk 2,27) sagte er den Pharisäern an anderer Stelle, als sie eine enge Regelauslegung über den Geist des Gesetzes stellten.

Wir Menschen sind für Jesus das Entscheidende, deshalb ist er ja in diese Welt gekommen. An diesem Tag, als er zum Fest kam, machte er dann auch dort Halt, wo andere Menschen schnell vorübergingen, sich lieber nicht aufhalten wollten: am Teich Bethesda sah er nach den Kranken.

Der Teich liegt im Norden der Stadt, neben der von den römischen Besatzungstruppen okkupierten Burg. Für die Kranken hatte man den Ort gewählt, wo sie in der Stadt am wenigsten auffielen. Es war sozusagen ein antikes »hinter dem Bahnhof«, an das man sie abgeschoben hatte; ein Ort, den man leicht meiden konnte. Heilungsmethoden für diese Kranken gab es keine, nur eine Hoffnung auf Genesung blieb ihnen: Dass der Teich Bethesda in Bewegung geriete. Eine alte Sage erzählt, dass ein Engel alle paar Wochen vom Himmel herabfuhr und das Wasser in Bewegung versetzte. Derjenige, der von den Kranken als erster ins Wasser gelangte, würde von seinem Leiden geheilt werden.

Aus der Schar dieser Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgezehrten stach einer heraus und fiel Jesus sofort ins Auge: Der Mensch, der seit achtunddreißig Jahren dort war.

1969 und die Zeit bleibt stehen … etwas in der Art hatte dieser Mensch erlebt. Es ist doch kaum vorstellbar, solch ein Schicksal zu haben, 38 Jahre am Stück so krank zu sein, dass man aus der Familie, aus der Gesellschaft abgeschoben wird und irgendwo seine Existenz, wenn man’s denn so nennen kann, fristet und dabei sämtlicher Handlungsmöglichkeiten beraubt ist.

»Herr, ich habe keinen, der mir in den Teich hilft, wenn das Wasser sich bewegt. Wenn ich es allein versuche, ist immer schon jemand vor mir da.« (V. 7) So sieht sein Leben aus. Dieser Mensch ist vollkommen allein und erlebt immer wieder, wie andere zum Zuge kommen und eigene Hoffnungen enttäuscht werden. …

Erstaunlich: Da, wo die Gute Nachricht Bibel ganz nonchalant von einem »Mann« spricht, steht im Grundtext in Wirklichkeit das Wort »Mensch«.

Der Evangelist Johannes will diese Erzählung gar nicht so weit zuspitzen, dass sich die halbe Weltbevölkerung als nicht angesprochen wähnen darf. Dieser seit Ewigkeiten kranke Mensch, der in der Begegnung mit Christus Heilung erfährt, soll für uns alle stehen.

An dieser Begegnung am Teich Bethesda soll deutlich werden: So wie Jesus diesen Menschen ansprach, wollte er alle Menschen ansprechen. Die Frage, die er stellte, gilt auch uns: Willst du gesund werden?

Doch halt, ist das nicht ein bisschen vorschnell? Gesund werden – wovon denn bitteschön? Was sollte es sein, das mich lähmt und niederwirft wie eine Krankheit?

Sicherlich ist damit weniger das gemeint, was zum Beispiel viele Menschen erleben: das mit dem Älter werden Möglichkeiten schwinden und Tätigkeiten, die man vor Jahren noch gut erledigen konnte, heute viel schwieriger allein auszuführen sind.

Liest man den Text von seinem Ende her, als Jesus dem Menschen im Tempel nochmals begegnet, zeigt sich: Johannes geht es in diesem Text eigentlich um Gottesferne, um Trennung von Gott. Das ist etwas, woran es auch uns heute immer wieder gebricht.

Die ein oder der andere wird das kennen – sicher einige auch seit längerer Zeit als achtunddreißig Jahren. Da kann es dann sein, dass für Gott kein Raum in der eigenen Lebensführung ist. Ludwig Feuerbach wusste: Gott ist tot.

Der Predigttext heute erzählt etwas ganz anderes. Da ist keine Rede von einem überwundenen Gott, sondern von einem, der Mitten im Leben vorkommt und alle Trennung zu überwinden weiß. In Jesus Christus hat er sich der Welt zugewandt. Doch er überfällt nicht, er fragt: »Willst Du …«

Es wäre schön, wenn es so weiterginge, wie im Text: dass da, wo wir uns Gott wieder zuwenden, dann auch gleich alle unsere Schwachheit überwunden ist. Keine Arthritis, keine Arbeitslosigkeit, keine Probleme und Sorgen … so einfach ist es nicht.

Doch wo wir an Gott abgeben, was uns auf der Seele lastet und uns drückt, da können wir neue Kraft für unser Leben bekommen.

Wir brauchen es freilich nicht so zu machen, wie der Mensch aus der Geschichte, der ohne zu danken davonlief. Als Jesus ihn später traf, forderte er ihn auf, kein Unrecht mehr zu tun. Der Mann in der Geschichte tat genau das, er lief los, um Jesus bei seinen Gegnern zu verpetzen. Ob Jesus da wirklich dem Richtigen geholfen hat? All die Jahre voller Hoffen und Bangen, Enttäuschung und Einsamkeit haben diesen Menschen nicht davon abgehalten, den ersten, der ihm wirklich geholfen hat, zu verraten. Das ist der Start seiner Karriere als Geheilter.

Was Jesus ihn aufgefordert hat in seinem Leben zu ändern, das konnte er nicht fassen.

Ich meine: Wir können es. Es bedeutet, unsere Herzen für Gottes Handeln in unserem Leben zu öffnen. Wo wir uns auf Gott einlassen, kann das ein »Hoch« in unser Leben bringen, wo dunkle Wolken sich zwischen uns und Gott geschoben haben, und das kann uns frei werden lassen.

Vor »dunklen Wolken« in der Beziehung zu Gott ist wohl kein Mensch gefeit. Immer wieder wird unser Blick auf Gott verstellt. Wie der Mann in der Geschichte tun wir alles, was in unserer Macht steht, um unser Leben gut zu führen und alle Schwierigkeiten zu meistern.

Vieles drängt sich zwischen uns und Gott. Wir alle wissen, was das in unserem Leben sein kann: Arbeit, Stress, ein übervoller Terminkalender, doch auch Krankheit, Einsamkeit und Bitterkeit. Diese Liste kann man nur allzu leicht ergänzen. Und manchmal ist es ja sogar unser Suchen und doch nicht Finden, unser Fragen: »Wo ist denn Gott?«, das uns den Kontakt abbrechen lässt.

Ich frage mich: werden wir nicht da, wo wir zulassen, dass unsere Beziehung zu Gott blockiert wird oder sie gar selbst gar nicht mehr führen, ein Stück weit wie der Mensch im Predigttext? Es ist verführerisch, wirklich alles im Leben selbst regeln und kontrollieren zu wollen. Ich will hier auch gar nicht einer vermeintlichen Unmündigkeit das Wort reden, doch ich meine: wer so lebt, der wartet ein Stück weit darauf, dass das Wasser in Bewegung gerät und ist dabei selbst für die Auslösung dieser Bewegung zuständig…

Sich Gott zuzuwenden heißt, den Blick über den Horizont des eigenen Teiches zu heben und mehr zu erwarten. Es heißt, sich von Christus ansprechen zu lassen und die Beziehung zu Gott wieder aufzunehmen – an jedem chaotischen Tag neu und erst recht, wenn sie in der Zeit stecken geblieben ist.

Wo uns das gelingt, werden wir eine neue Perspektive auf unseren Alltag und unser Leben bekommen und das kann wie ein Aufstehen und Loslaufen sein. Wie sprach Jesus noch mal den Mann am Teich an? Ach ja – er fragte: »Willst Du …?«

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 66,1–5 Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude