Predigt über Lukas 17,5–6

Alternativ könnte man statt der Geschichte der Zwillinge auch die Vita von Ludwig Ingwer Nommensen, der zu Lebzeiten 500 Gemeinden mit 180.000 Gläubigen gegründet hat (heute ca. 2,5 Millionen und in einer muslimischen Umwelt die bedeutendste Kirche des Großraums), paradigmatisch anführen – siehe zur Person z. B. Heiligenlexikon und Wikipedia.

Liebe Gemeinde, Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not haben wir gerade gesungen. Ein altes Lied (eg 345, aus dem Jahre 1603), das hauptsächlich eines aussagt: komme was da wolle, auf Jesus Christus kann man bauen. Was für eine kräftige Glaubensgewissheit da doch durchklingt! Schön, das so singen zu können.

Sieht die Wirklichkeit nicht oft ganz anders aus? Wer von uns kann denn wirklich von sich sagen, Glaubensgewissheit immerzu zu haben? Wohl kaum jemand. Das Zweifeln ist fester Bestandteil des Glaubens, ist wie ein siamesischer Zwilling mit dem verbunden. Martin Luther sagt sogar: Wo wir anfangen uns zu fragen: »Glaube ich?«, da sind wir schon mitten im Zweifeln.

Schon Jesu Jünger kannten das, im heutigen Predigttext aus Lukas 17 hören wir davon:

Lk 17,5f Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Vorhin haben Sie alle ein Senfkorn bekommen. Sicher haben die meisten von Ihnen erkannt, worum es sich gehandelt hat. Haben Sie es eigentlich noch, oder ist es Ihnen schon abhanden gekommen? Etwas so kleines ist ja oft ganz schnell weg, verloren gegangen.

So kann es auch mit Glauben sein. Wenn wir ihn suchen, dann ist er ganz oft weg. Und ist es nicht so: wenn es uns gut geht, wir gesund und mit unserem Leben zufrieden sind, dann stellen wir keine großen Fragen nach unserem Glauben, denn alles ist gut. Erst wenn es kritisch wird, weil es in der Partnerschaft Probleme gibt, weil an der Arbeit, in der Schule, die Situation alles andere als entspannt ist, wenn wir uns um einen lieben Menschen oder und selbst sorgen, … sprich: wenn es im Leben nicht mehr problemlos »rund läuft«, dann fragen wir doch nach Gott, schiebt er sich wieder in unser Blickfeld. Ob er helfen kann? Ob er da ist? Wird er tun, worum ich ihn bitte?

»Herr, stärke unseren Glauben« baten die Apostel, Jesu zwölf engste Gefährten, denn selbst sie kannten dieses Fragen, Suchen, Grübeln, dieses Zupacken und doch nicht fassen. Jesus antwortet ihnen: »Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: ›Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!‹, und er würde euch gehorchen.«

Ich habe Ihnen das Bild eines Maulbeerbaums mitgebracht; schauen Sie einmal! Haben Sie Ihr Senfkorn eigentlich mittlerweile wiedergefunden, oder ist es weg? So etwas Kleines kontrastiert Jesus mit einem Maulbeerbaum. Bis zu 15 m kann so ein Maulbeerbaum groß werden.

Etwas so Kleines soll so solch ein gewaltiges Gebilde bewegen können? Macht Jesus sich da lustig über seine Jünger? Sagt ihnen, quasi durch den Maulbeerbaum: Um euren Glauben ist es so schlecht bestellt, dass ihr’s am besten gleich ganz bleiben lasst, ihr bekommt das eh nicht hin?

So kann man diesen Satz durchaus hören. Nur ein winziges Quäntchen Glaube ist nötig, um in der Welt gewaltige Dinge zu bewegen, das sagt der Predigttext – und da wir eben nicht viel bewegen, haben wir doch wohl keinen Glauben. Aber ist der Predigttext, mit diesem Ohr gehört, wirklich das, was Jesu sagen will? Heißt seine Aussage wirklich: Eurer Glaube ist so gering, dass er zu nichts nützt?

Vielleicht ist es doch so, dass Jesus seine Jünger auf etwas ganz anderes aufmerksam machen möchte. Sie haben erlebt, wie fragil, wie zerbrechlich und zart Glaube sein kann – wie eine Frühlingsblume, die noch mit dem Frost ringt. Dennoch haben sie es immer wieder gewagt, sich immer wieder auf Gottes Geist als den Bringer des Glaubens eingelassen, ihm nicht gewehrt.

Jesu »Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: «Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!», und er würde euch gehorchen.« ist kein Spott ob eines angefochtenen Glauben und vieler Zweifel. Vielmehr ist es eine Ermutigung, sich dem Glauben nicht zu verschließen.

Jesus wusste um unser Angefochten sein, unser Schwanken, unser Suchen nach Gewissheit. Er erlebte es sogar bei den Aposteln, trotz der vielen Machttaten, die er als Gott auf Erden getan hatte – die Apostel waren dabei gewesen und sie baten: Stärke unseren Glauben.

Das Problem des Glaubens ist doch, dass er ein für-wahr-halten von Gegenständen ist, die sich nicht beweisen oder greifbar fassen lassen. Im Hebräerbrief finden wir eine Definition von Glauben, sie heißt: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr 11,1)

Feste Zuversicht und Nichtzweifeln, das ist Glaube. Wir erleben, dahinter zurück zu fallen. Was Zweifeln ist, lässt sich ebenfalls beschreiben: es ist ein noch-nicht-glauben, viel mehr als ein nicht-glauben. Martin Buber sagte einmal: »Der Zweifel gehört zur echten Fruchtbarkeit, man muss durch ihn hindurch, es geht kein anderer Weg als dieser gefahrvolle in die große Gewissheit.«

Zweifeln, das ist so etwas wie die »Pubertät des Glaubens«: Zweifeln ist ein Durchgang, eine Entwicklung. Zweifeln kann einen doppelten Ausgang haben: es kann in Unglauben münden, genau so wie in Glauben haben, vielmehr: sich dem vom Heiligen Geist gegebenen Glauben nicht zu verschließen.

So ist der Zweifel der Prüfstein des Glaubens, so eine Art frommer Ölmessstab, der zeigt, wie es mit dem Glauben in unserem Leben bestellt ist. Wer nie zweifelt, der glaubt auch nicht.

»Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.« (2. Kor 5,7) schreibt Paulus an die Korinther. Glaube bedeutet eben ein noch-nicht-sehen, aber für-wahr-halten. Das lässt sich nicht durchhalten und so ist das Zweifeln eine gesunde Sache, dient letztlich dem Wachstum alles Glaubens.

Damit unser Zweifeln freilich nicht in den Unglauben mündet, ist eines notwendig: dass wir uns immer wieder auf Gott einlassen, mit ihm ringen und ihn hinterfragen, ihm klagen, wo wir enttäuscht sind – doch vor allem: damit nicht aufhören. Wenn wir uns von Gott abwenden, auf »Durststrecken« nach anderen »Quellen« suchen, da wächst sich alles Zweifeln zu Unglaube aus.

Letztlich geht es beim Glauben nur um Gewissheit und nicht um Sicherheit (certitudo vs. securitas). Deshalb ist es gut, wenn wir an den Stellen im Leben, wo wir zweifeln, wo Gott uns wie ein Hauch im Nebel vorkommt, ungreifbar und fern scheint, wie die Apostel rufen: »Herr, stärke meinen Glauben! Lass mich nicht los, lass mich nicht ins Ungewisse fallen!«

Paul Gerhard dichtete dazu:

»Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann!« (eg 361; Paul Gerhard, 1653)

In allem Zweifeln kann nur die Besinnung auf Gott wieder zum Glauben führen. Er ist die Quelle, und ihn gerade dann zu suchen, wenn Alltag, Sorgen und Ängste unseren Glauben anfeinden, kann uns nicht nur neu für Glauben öffnen, sondern uns auch ein Stück der Verheißung fassen lassen, die hinter dem Glauben steht:

Unser Glaube besteht doch darin, dass wir auf Gottes Liebe und Nähe vertrauen, uns auf dem Weg zu ihm wissen. Er ist das Ziel, auf die Gemeinschaft mit ihm zielt aller Glaube. Wo wir uns auf die Suche nach Gott machen, eben zweifeln, da werden wir da, wo wir ihn finden und zum Glauben kommen, etwas von der Ruhe und dem Frieden zu fassen kriegen, den er für uns bereit hält.

Wo wir uns in allem Zweifeln auf Gott einlassen, da werden wir ihn finden, da wird er uns ein Stück Gewissheit schenken. Hören wir dazu eine Geschichte, auf die mich neulich ein Gemeindeglied aufmerksam machte:

Gibt es ein Leben nach der Geburt? Gespräch von Zwillingen im Mutterleib
Im Bauch einer schwangeren Frau waren einmal Zwillinge: Ein Glaubender und ein Zweifler. Eines Tages kam es zu folgendem Gespräch: Zweifler: Glaubst du wirklich an ein Leben nach der Geburt?
Glaubender: Ja natürlich Glaube ich an ein Leben nach der Geburt! Unser Leben ist hier doch nur eine Vorbereitung auf das Leben nach der Geburt!
Zweifler: Blödsinn, so etwas gibt es nicht! Wie soll das denn aussehen, ein Leben nach der Geburt?
Glaubender: Das weiß ich auch nicht genau, aber es wird sicher viel heller sein als hier, und wir werden herumlaufen und mit dem Mund essen.
Zweifler: So ein Quatsch! Bist du jemals herumgelaufen? Und mit dem Mund essen, wer hat so etwas schon mal gesehen? Überlege doch mal, wozu du die Nabelschnur hast!
Glaubender: Ich bin davon überzeugt, dass das alles irgendwie gehen wird. Es wird eben alles anders sein als hier, aber wir werden es trotzdem erleben.
Zweifler: Jetzt hör mal her. Es ist noch nie jemand von »nach der Geburt« zurückgekehrt. Somit ist es erwiesen, dass das Leben nach der Geburt zu Ende ist. Und das Leben ist eine einzige Quälerei, hier auf engen Raum und dunkel und der Sinn des Lebens ist, an der Nabelschnur dran zu bleiben, das siehst du doch.
Glaubender: Nein, ich bin überzeugt, dass wir nach der Geburt unsere Mutter wirklich sehen werden, das scheint mir viel sinnvoller zu sein.
Zweifler: Mutter? Du glaubst an eine Mutter? Wo soll die denn bitte sein?
Glaubender: Na überall, um dich herum. Wir sind in ihr und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein.
Zweifler: Ach hör doch auf! Mutter, ich will nichts mehr davon hören.
Glaubender: Aber hör doch. Pst, sei mal ganz ruhig! Manchmal, wenn wir ganz ruhig sind, dann kannst du sie singen hören, oder spüren, wenn sie unsere kleine Welt streichelt. Ich glaube wirklich, dass unser eigentliches Leben erst dann beginnt.

Vielleicht besteht darin das Geheimnis, es wie die beiden in der Geschichte zu machen: In allem Zweifel still zu werden und sich ganz ernsthaft auf Gott zu besinnen, nach ihm zu suchen und zu forschen. Das sich-erinnern an die schon im Leben gemachten Erfahrungen mit Gott kann uns dabei eine Hilfe sein, denn unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Gott (frei nach Augustinus).

Ich bete mit Worten des 63. Psalms:

Gott, du bist mein Gott, den ich suche.
Es dürstet meine Seele nach dir,
mein ganzer Mensch verlangt nach dir
aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist.
So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum,
wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.
Denn deine Güte ist besser als Leben;
meine Lippen preisen dich.
So will ich dich loben mein Leben lang
und meine Hände in deinem Namen aufheben.
Das ist meines Herzens Freude und Wonne,
wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann;
wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich,
wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.
Denn du bist mein Helfer,
und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.
Meine Seele hängt an dir;
deine rechte Hand hält mich. (Psalm 63,2–9)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.