Predigt über Philipper 2,12–18

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Liebe Gemeinde, wie verhalten sich eigentlich Eltern, die richtig gute Eltern sind? Auf diese Frage gibt es bestimmt ganz viele Antworten, und sie wirft sicher ihrerseits auch viele neue Fragen auf. Erziehung, da zu sein für Menschen, die einem anvertraut sind, kann ja nicht nur sehr erfüllend, sondern auch sehr herausfordernd, an Grenzen bringend sein und Versagen gibt es dabei ebenfalls.

In unserer Predigtreihe zum Philipperbrief haben wir schon einiges über den Apostel Paulus gehört, der in einer Gefangenschaft an die Philipper schrieb. Für diese war er wie ein Vater, hatte er die Gemeinde doch gegründet. Der kinderlose, unverheiratete und als eingefleischter Junggeselle lebende Paulus als ein Vater – das ist eigentlich ein ganz stimmiges Bild, wenn man an die vielen Gemeinden denkt, die er auf seinen Missionsreisen gegründet hat.

Und wie so manche Eltern erleben, dass Kinder trotz aller Mühen aus der Bahn schlagen können, dass erhoffte Lebensentwürfe nicht realisiert werden, so erlebte auch Paulus, dass einige Gemeinden gehörige Anleitung brauchten, um dem Evangelium treu nachzuleben. Die Korinther zum Beispiel waren so eine Gemeinde, die viel »elterlicher Fürsorge« durch Paulus bedurfte.

Die Philipper waren anders. Sie hatten verstanden, was Paulus ihnen geschenkt hatte, lebten und wuchsen darin, nämlich dem Christsein. Hören wir, was Paulus an diese Gemeinde im zweiten Kapitel des Briefes schrieb – sie finden es auch auf dem Handzettel:

Phil 2,12–18 (MP) Darum, meine Lieben: wie ihr (mir) immer gehorsam wart – nicht allein als ich bei euch war, sondern jetzt viel mehr noch in meiner Abwesenheit – erarbeitet euch nun mit (Gottes-)Furcht und Beten eure eigene Rettung: Gott ist es nämlich, der in euch das Wollen bewirkt und das wirksam sein über den guten Willen hinaus.
Macht alles ohne Murren und Zweifel, damit ihr untadelig und rein werdet, untadelige Kinder Gottes mitten unter einem verkehrten und verdorbenen Geschlecht – unter denen strahlt wie ein Stern im Kosmos. Haltet das Wort des Lebens fest, zum Ruhm für mich bis zum Tage Christi, dass ich nicht ohne (Sieges-)Preis lief oder mich abmühte, ohne ans Ziel zu kommen. Doch auch wenn ich als Trankopfer vergossen werden sollte beim Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, freue ich mich und freue mich mit euch mit. Genau so sollt ihr euch freuen und mit mir mitfreuen.

Wieder einmal schreibt Paulus ganz ambivalent klingende Worte. Vom »verdorbenen Geschlecht« und Sterben redet er und zugleich von Freuen und Mitfreuen. Die Gefühle, die er nennt, passen so überhaupt nicht zu seiner Situation und auch den Mutmaßungen, die Paulus über seine Zukunft äußert.

Was mag da nur los gewesen sein in dieser Gefangenschaft, was mag mit Paulus losgewesen sein? Wer schon einmal gefangen gewesen ist oder zum Beispiel durch Krankheit längere Zeit seiner normalen Handlungsmöglichkeiten beraubt gewesen ist, der weiß, was das mit einem Menschen macht. Und Paulus’ Gefangenschaft aus politischen Gründen – richtiger: aus religiösen Gründen – war wohl zugleich eine Gefangenschaft, in der sein Leben bedroht war.

Paulus zu unrecht gefangen, sein Leben in Gefahr – so schreibt er diese Worte an die Philipper, hin- und hergerissen in seinen Gefühlen, zwischen Wut und Angst über seine immer bedrohlicher werdende Situation und seiner Liebe, Hoffnung, Freude über die Freunde in Philippi andererseits. Wie eine Achterbahnfahrt muss das für Paulus, für seine Gefühle gewesen sein.

Dass die Philipper immer wieder Epaphras zu ihm schicken, auch andere Gemeindeglieder die lange, weite Reise auf sich nehmen und ihm Mut machen, ihn mit dem Nötigsten versorgen, so gut es geht für ihren geistlichen Vater und Gemeindegründer da sind – das macht Paulus Mut. Hält ihn aufrecht. Er erfährt: sie tragen an der Last seiner Situation mit und das hilft ihm ganz ungemein. Da ist jemand, der an ihn denkt und für ihn da ist.

Und, so anders als manche der von ihm gegründeten Gemeinden, sind die Philipper auf dem rechten Weg in der Nachfolge Jesu Christi – stehen nicht in der Nachfolge, sondern laufen darin. Machen keine Schlenker. Das erfüllt ihn mit dem Stolz eines Vaters, der sieht: aus meinen Kindern wird etwas. »Meine Lieben: wie ihr (mir) immer gehorsam wart – nicht allein als ich bei euch war, sondern jetzt viel mehr noch in meiner Abwesenheit« (V. 12) fängt der Abschnitt aus dem Philipperbrief an, der dieser Predigt zugrunde liegt. Meine Lieben schreibt Paulus. Man kann es auch »Meine Geliebten« übersetzen – er schreibt nicht »liebe Geschwister« (vgl. 1. Kor, 2. Kor, Gal 1, 1. Thess, 2. Thess) oder an die »geliebten Gottes« (vgl. Röm 1, Phlm 1), sondern er schreibt »Meine Geliebten« und drückt mit diesem besitzanzeigenden Fürwort die Enge der Beziehung aus.

Sie waren ihm gehorsam, heißt, sie haben das Evangelium gehört, das Paulus ihnen einst verkündigt hat, und Gottes Geist hat es in ihren Herzen Wurzeln schlagen und Früchte hervorbringen lassen. Paulus fährt fort: »erarbeitet euch nun mit Gottesfurcht und Beten eure eigene Rettung.« (V. 12) Redet er da eigentlich über sich selbst? Hofft Paulus nicht, dass die, die ihn ins Gefängnis gesteckt haben, erkennen: er ist unschuldig; dass sie ihn freilassen? Mit Gottesfurcht und Beten – so arbeitet er auf seine eigene Freilassung hin.

»Glaube mit Furcht und Zittern« ist die Überschrift dieser Predigt. In Furcht und Zittern hat Paulus damals im Gefängnis gelebt. Glaube und die Fürsorge der Philipper haben ihm Kraft gegeben. Vielleicht überträgt er das in seinen Gedanken auf die Philipper. Ihre Furcht soll freilich Gottesfürchtigkeit sein.

Ein merkwürdiges und auch selten gebrauchtes Wort. Gottesfurcht, Gottesfürchtigkeit – da steckt doch »Gott fürchten« drin. Vielleicht ist Gottesfurcht heute deshalb ein Abstraktum, weil wir uns Gott als den »lieben Gott« vorstellen, der es gut mit uns meint. Wozu den denn fürchten?

Paulus kennt anderes. Dass Gott auch zornig sein kann, dass Gott auch ein strafender Gott sein kann, das weiß der Pharisäer Paulus. Er verwechselt Gott nicht mit einem Spielkameraden oder einem liebenswürdigem Opa mit weißem Bart, sondern kennt ihn als den Herrn der Welt, mit dem man rechnen muss. Er weiß deshalb mit dem Begriff der Gottesfurcht etwas zu verbinden:

»Wenn Paulus die Heidenchristen zur Furcht aufruft, so meint er nicht die Angst vor Gott, sondern vor der Selbstsicherheit eines Glaubens, der die ergangene Barmherzigkeit Gottes nicht ernst nimmt und gerade dadurch sich von Gott abwendet (Röm 11, 20 ff.). In ähnlicher Weise sind Furcht und Zittern beim Wirken des eigenen Heils zu verstehen (Phil 2, 12 f.)«.

Gottesfurcht, das ist für Paulus die »Grundhaltung rechter Frömmigkeit«. Darum geht es ihm, wenn er die Philipper mahnt, Gott zu fürchten, also in einer Haltung zu leben, die Gott ernst nimmt.

Wie ist das eigentlich bei uns? Nehmen wir Gott ernst, rechnen wir mit ihm, lassen wir unsere Beziehung zu ihm Folgen in unserem Alltag haben, oder ist Gott nur der »liebe Gott«, der in unserem Leben irgendwie noch so vorkommt?

Paulus fordert die Philipper auf, »sich die Rettung zu erarbeiten« (V. 12). Das ist ganz schön missverständlich, was der Apostel formuliert. Man könnte es beinahe als Aufforderung hören, sich die Rettung, den Eintritt in Gottes Reich, als Leistung zu erarbeiten. Doch genau das meint Paulus nicht. Vielmehr geht es ihm eben darum, dass Glaube im Alltag Folgen haben soll.

Mit dem nächsten Vers (V. 13) macht Paulus das deutlicher: »Gott ist es nämlich, der in euch das Wollen bewirkt und das wirksam sein über den guten Willen hinaus«, schreibt er.

Zu unserem Heil ist schon alles getan, Jesus Christus hat das gemacht. Wenn Paulus vom »Erarbeiten der Rettung« schreibt, meint er, dass Christi Handeln für uns in unserem Leben Folgen haben soll. Wir sollen uns nicht selbstgefällig ausruhen und uns denken: Ich bin getauft, prima, dann lasse ich das an so manchem Sonntag Bedeutung in meinem Leben haben. So billig sollen wir’s uns nicht sein lassen.

»Macht alles ohne Murren und Zweifel« (V. 14) fährt Paulus fort, leider ohne zu verraten, wie das gehen soll. Jedenfalls: wo wir wie die Philipper Glaube in unserem Leben Folgen haben lassen, da »strahlen wir wie ein Stern im Kosmos« (V. 15). Den Philippern schrieb Paulus, dass sie unter einem »verkehrten und verdorbenen Geschlecht« durch ihren Lebenswandel strahlen sollten. Das klingt so negativ.

Auch in unserer Gegenwart gibt es Menschen, die der Ansicht sind, alle anderen wären verdorben und böse. Vielmehr: alle, die nicht ihrer Vorstellung von Glauben und Verhalten entsprechen, sondern davon abweichen.

Ich möchte dazu nicht viel sagen. Nur das: was Paulus hier schreibt, kommt vielleicht aus seinem eigenen Erleben, zu unrecht gefangen zu sein, mit größter Ungerechtigkeit behandelt zu werden. So menschenfeindlich wie diese Worte hier klingen, hat Paulus nicht über seine Mitmenschen gedacht. Es ging ihm keineswegs um Abschottung allen Andersdenkenden und –glaubenden gegenüber, sondern darum, dass wir unseren Glauben zu jeder Zeit lebendige Dimension unseres Lebens sein lassen. Das bedeutet eben auch, durch unser Verhalten anderen gegenüber zu zeigen, was die Liebe Gottes in unserem Leben bewirkt. Wenn Paulus vom »Strahlen wie ein Stern im Kosmos« (V. 15) spricht, dann meint er genau das. Und sich gegen alle anderen abzuschotten, sie als schlecht abzustempeln, das würde eben nicht einem gottesfürchtigen Leben entsprechen, denn das hieße, einen Scheffel über das Licht der guten Nachricht zu stellen.

Nein, was Paulus hier schreibt, das entspricht nicht seinen sonstigen Äußerungen und ich deute es als Ausdruck tiefer Frustration aufgrund der schlimmen Gefangenschaft. Das kennen wir doch auch: wenn es uns richtig schlecht geht, dann erscheint uns die ganze Welt als garstiger Ort.

Dass es Paulus nicht gut ging, das zeigen seine nächsten Zeilen. Die Philipper sollen Gottes Wort in ihrem Leben bewahren, dran festhalten, damit Paulus sich nicht vergeblich um sie gemüht hat. Das wäre ihm ganz schrecklich, wenn jetzt, in der Gefangenschaft, auch noch herauskäme: alles, was ich getan habe, war vergebens. Gott sei Dank konnte Paulus erleben, dass diese Befürchtung grundlos war, blieben die Philipper doch eine Gemeinde voller Glaube, Zuversicht und Außenwirkung.

In der Sprache, die Paulus verwendet, kommt seine Sorge zum Ausdruck: es ist wie ein Wettlauf für ihn, in dem er schneller rennen muss als alle anderen. Er war ja gefangen, weil die zu seiner Zeit herrschende Religion die Vielgötterei war, der auch die Philipper ursprünglich nahe standen. Den in Jesus Christus Mensch gewordenen einzigen Gott zu bezeugen, das ist der Staffelstab, den er bei diesem Lauf in der Hand hält und den er glücklich an die Philipper weiterreichen konnte, gegen alle Vielgötterei. Doch gerade das erschien den Menschen seiner Umwelt als Gottlosigkeit, nur einen einzigen Gott anzubeten. Für sie, die ein Pantheon gewohnt waren mit einem Gott und einer Göttin für alles und jedes, schien es geradezu als anstößig, das Paulus den einen Gott auch noch verkündigte, und deshalb saß er im Gefängnis. Nur deshalb.

Und er fürchtete, in dieser Gefangenschaft zu Grunde zu gehen. Er bleibt im Bild und der Sprache des Wettkampfes, wenn er fortfährt: »Auch wenn ich als Trankopfer vergossen werden sollte beim Opfer und Gottesdienst eures Glaubens« (V. 17). Wenn in der Antike Wettkämpfe ausgetragen wurden, dann wurden den Götzen Opfer dargebracht, zum Beispiel Trankopfer, bei denen den Götzen etwas Wein hingeschüttet wurde, um sie günstig zu stimmen.

Nun fürchtet Paulus selbst, zu sterben oder hingerichtet zu werden für seinen Glauben, der der der Philipper ist. Als Trankopfer vergossen zu werden – mit diesem Bild umschreibt Paulus, dass er vielleicht zum Märtyrer gemacht wird, dass man sein Blut vergießen, ihn töten könnte.

Paulus schließt: selbst wenn er zum Blutzeugen gemacht werden sollte, würde er sich freuen, denn es wäre wegen des Glaubens an den einen Gott, der den Tod besiegt hat. Paulus weiß: wenn er stirbt, dann wird er in Gottes Reich gelangen, zu neuem Leben kommen. Das ist der Grund seiner Freude, deshalb sollen die Philipper sich mit ihm mitfreuen.

Für die Christen der ersten Generationen, die wegen ihres Glaubens gejagt und verfolgt wurden, war das Martyrium der Ausdruck, den Glauben nicht zu verlieren und eine schreckliche, doch eindrückliche Art, wie ein Stern in einem Kosmos des Aberglaubens zu strahlen.

Gut, dass wir hier in Deutschland sicher leben, dass wir hier unseren Glauben leben dürfen. Dass wir nicht lau werden sollen, das ist Paulus wichtig. Glaube soll Auswirkungen haben, wir sollen gottesfürchtig bleiben. Und eines können wir an Paulus, der niedergeschmettert und voller Sorge in Gefangenschaft saß, lernen: so wie er auch in dieser Situation immer wieder Freude in Gott gefunden hat, so können auch wir uns in allen Situationen dessen bewusst sein: Gott passt gut auf uns auf – über alle Umstände in diesem Leben hinaus.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.