Predigt über Philipper 1,12–26

Liebe Gemeinde, es gibt Situationen im Leben, vor denen würden wir alle am liebsten davonlaufen. Und manchmal gibt es Situationen, da kann man nicht davonlaufen, so gern man es auch wollte. Der Apostel Paulus hat, irgendwann um das Jahr 60, so eine Erfahrung gemacht. Er hatte Menschen von Jesus Christus weitererzählt und damit Anstoß erregt. Aus diesem Grund war er in römische Gefangenschaft geraten und hatte während dieser Gefangenschaft den Brief an die philippische Gemeinde geschrieben.

Die Philipper haben Paulus während seiner Gefangenschaft begleitetet, mindestens vier Kontakte gab es in dieser Zeit, bei denen Paulus auf verschiedene Weise unterstützt wurde. Das ist umso erstaunlicher, als der Ort seiner Gefangenschaft sehr weit entfernt lag.

Vielleicht war Paulus in Rom gefangen gewesen, über 1.200 km von Philippi entfernt und selbst per Schiff und den römischen Straßen Via Appia und Via Egnatia noch über drei Wochen entfernt. Viele Forscher meinen das.

Doch vielleicht war Paulus in Ephesus gefangen, das 600 km von Philippi entfernt lag, also fast drei Wochen zu Fuß, bzw. 4 Tage mit dem Schiff, was die vielen Kontakte leicht erklären könnte:

Wo auch immer Paulus gefangen gewesen ist: die Philipper haben ihn unterstützt, seiner im Gebet gedacht und Boten zu ihm gesandt. So schreibt Paulus selbst im Briefanfang, dass er eine hohe Meinung über die Philipper habe, »Phil 1,7 (MP) weil […] ihr alle Anteil habt an der Gnade meiner Gefangenschaft und der Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums.« Ja, Paulus hat, gerade in dieser schweren Zeit, ganz wichtigen Beistand von den Philippern erhalten.

Dass der Ort seiner Gefangenschaft, der Entstehung des Philipperbriefs, nicht genau aufzuklären ist, ist unwesentlich; die Botschaft der Landkarten ist eine ganz andere: Da haben sich Menschen, im Regelfall zu Fuß, auf zum Teil wochenlange, beschwerliche Reisen gemacht, nur um einen Mitchristen zu unterstützen. Das ist das wirklich Faszinierende. Wir sehen: es sind Strecken, die wir leicht per Schiff, Flugzeug, Auto oder Eisenbahn überbrücken könnten. Doch für die Philipper war es eine halbe Weltreise, Paulus in seiner Gefangenschaft zu unterstützen – buchstäblich, denn die bekannte Welt war in der Antike kleiner.

Im Predigttext beschreibt Paulus, wie er seine Gefangenschaft erlebt:

Phil 1,12–26 (MP) Ich möchte aber, Geschwister, dass ihr wisst, das mein jetziger Zustand umso mehr der Förderung des Evangeliums dient. Dass meine Gefangenschaft wegen Christus besteht, ist für das gesamte Prätorium und alle übrigen offensichtlich, und die meisten Geschwister im Herrn sind durch meine Gefangenschaft umso mutiger und furchtloser geworden, das Wort (von Jesus Christus) zu reden: Einige zwar aus Missgunst und Zorn, andere aber verkündigen Christus aus Freude; die einen aus Liebe, weil sie sehen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums bestimmt bin, die anderen aber verkündigen Christus aus Selbstsucht/Eigennutz/Streitsucht*, nicht aus reinen Beweggründen, weil sie meinen, meiner Gefangenschaft so Beschwernis zu schaffen.
Wie auch immer: allein, dass Christus auf jede mögliche Weise verkündigt wird, sei es unter einem Vorwand oder ehrlich, daran freue ich mich.
Doch ich werde mich (weiterhin) freuen, weil ich weiß, dass dies auf meine Rettung hinausläuft durch euer Beten und die Unterstützung des Geistes Jesu Christi wie ich sehnsüchtig erwarte und hoffe, dass ich in nichts beschämt werde, sondern in aller Offenheit, wie immer so auch jetzt, Christus in meinem Leib verherrlicht werde – sei es durch Leben oder durch Tod.
Denn Christus ist mein Leben und das Sterben mein Gewinn. Wenn ich aber leiblich weiterlebe, heißt das für mich, meine Arbeit Frucht haben zu lassen, doch weiß ich nicht, was ich wählen soll. Von beiden (Seiten) werde ich bedrängt, denn ich habe auch die Begierde, zu sterben und mit Christus zusammen zu sei – wäre das nicht um sehr vieles besser? Doch das Ausharren in der Leiblichkeit ist euretwegen dringlicher. Im Vertrauen darauf weiß ich, dass ich bleibe und bei euch allen ausharre zu eurer Förderung und Freude im Glauben, damit euer Rühmen in Christus Jesus meinetwegen überreich werde, wenn ich wieder zu euch komme.

»Die fesselnde Botschaft des Evangeliums ist die Überschrift dieser Predigt und Sie merken: das ist ein doppelbödiger Titel. Paulus war gefesselt – das griechische Wort für »Gefangenschaft kann auch mit »Fessel« übersetzt werden. Das andere, das gefesselt sein, das erleben wir aber auch bei den Philippern: Da waren Menschen von der guten Nachricht von Jesus Christus, dass er uns ein neues Leben schenkt, ganz gefesselt und begeistert – mit einer Begeisterung, die große Distanzen klein gemacht und Hindernisse überwunden hat.

Spüren Sie, wie ambivalent Paulus zumute war, als er diese Worte geschrieben hat? »Ich weiß nicht, was ich wählen sollKarte Ephesus – Philippi. schreibt er am Ende von Vers 22, »zu beiden Seiten werde ich hingezogen. Einerseits erlebt er: Die Philipper sorgen und kümmern sich um ihn, so gut sie nur können; die Geschwister vor Ort sind für ihn da, nehmen seine sozusagen »politische Gefangenschaft zum Anlass, jetzt erst recht von Christus weiterzuerzählen.

Zum anderen erlebt er, wie beschwerlich so eine Gefangenschaft ist, was das mit einem Menschen macht, nicht mehr Herr seines Seins zu sein. Ohne ein Verbrechen begangen zu haben ist er eingesperrt. Und schlimmer noch: er erlebt, dass Menschen vor Ort Missbrauch mit der guten Nachricht von Christus treiben: Aus Selbstsucht, aus Eigennutz, aus Streitsucht verkündigen sie ihn (έξ έριθείαν). Das erinnert ein wenig an Simon Magus, der den Aposteln in seiner Verblendung Geld anbot, damit sie ihm Verfügungsgewalt über den heiligen Geist gäben (cf. Apg 8).

Paulus geht hier gar nicht näher auf diese Leute ein, sondern schließt das Thema in Vers 18 ganz pragmatisch: Hauptsache, Christus wird verkündigt, das ist ihm wichtig. Modern könnte man sagen: Auch schlechte Presse ist gute Presse. Angesichts des Wirkens des Heiligen Geistes als dem Bringer des Glaubens ist das vielleicht gar nicht so falsch gedacht, denn Gottes Geist lässt sich nicht missbrauchen.

Paulus ist hin- und hergerissen. Sollte er den Haftbedingungen nachgeben, allen Mut fahrenlassen? Dann würde er wohl bald sterben. »Denn Christus ist mein Leben und das Sterben mein Gewinn, schreibt er in Vers 21. Das wäre ihm schmackhaft, dem endlich ganz nahe zu sein, ihn von Angesicht zu Angesicht zu erkennen (vgl. 1. Kor 13), den er, seit er vom Saulus zum Paulus wurde, allezeit verkündigt hat. Paulus hatte solche Sehnsucht, endlich bei Gott zu sein, dass er die Wiederkehr Jesu Christi kaum abwarten konnte.

Doch die andere Seite hält er in Blick. Gerade die intensive Beziehung und der häufige Kontakt zu den Philippern, die ja nur eine der vielen Gemeinde sind, die er auf seinen Missionsreisen gegründet hat, lässt ihn zögern, sich so seinem Schicksal zu ergeben, alles an sich geschehen zu lassen, was die Haft mit sich bringt. Paulus weiß sich seinen Gemeinden verpflichtet, weiß, wie nötig er für die Menschen dort ist als jemand, der immer wieder die richtige Richtung aufzeigt, der Orientierung gibt.

Die Situation, die erfahrene Ungerechtigkeit, macht Paulus regelrecht depressiv – so sehr, dass er an den Tod denkt. Es geht ihm wie dem Propheten Elia:

1 Kön 19,1–6 (Luther revid. 1984) Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser …

Die Philipper sind für ihn mit ihrer Fürsorge wie der Engel, der Brot und Wasser reicht – das, was lebensnotwendig ist. Und so wie Elia sich von Gott aufrichten ließ, so lässt sich auch Paulus aufrichten, gewinnt in ihm der Wille überhand, jetzt nicht aufzugeben. Und erstaunlich: In diesem Abschnitt des Briefes, in dem es nur um die bedrängende Haft geht, nimmt Paulus viermal das Wort »Freude« in den Mund (VV. 15.18.25), spricht er von der Freude im Glauben. Gerade jetzt erfährt er, neben der ganz handgreiflichen Hilfe der Philipper, wie sein Glaube ihn trägt und hat die Hoffnung, dass die Haft nicht auf Dauer sein wird (V. 26).

Das geht so weit, dass er sich im Gefängnis nicht klein macht. Er steht zur Verkündigung des lebendigen Gottes; in Vers 20 schreibt er: »[Ich] hoffe, dass ich in nichts beschämt werde, sondern in aller Offenheit, wie immer so auch jetzt, Christus in meinem Leib verherrlicht werde (V. 20) und in Vers 13: »Dass meine Gefangenschaft wegen Christus besteht, ist für das gesamte Prätorium und alle übrigen offensichtlich.« Nein, er versteckt sich nicht, denn selbst seine Gefängniswärter wissen: Paulus hat kein Verbrechen begangen.

Dietrich Bonhoeffer beschrieb 1944 in einem Gedicht, wie er seine Gefangenschaft wahrgenommen hat:

Sie sagen mit oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! — Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Hg. v. Eberhard Bethge, München 1990.14, 187.

Paulus fasste es damals treffend zusammen: »Christus ist mein Leben« (V. 21). Das ist es, was für ihn zählt.

Sicherlich sind auch unter uns heute in diesem Gottesdienst Menschen, die in Gefangenschaft gewesen sind oder verschleppt oder vertrieben worden sind. Sie wissen um die Ungerechtigkeit und um die schlimmen Erfahrungen, die das mit sich bringt. Ich will das hier nicht vertiefen. Vielleicht haben Sie auch erlebt, was der Beistand Gottes in so einer Zeit bedeutet, und auch, was der Beistand von Geschwistern im Glauben selbst mit kleinen Gesten vermag.

Das wünsche ich uns allen: da, wo wir in Lebensumstände geraten, die unserer eigenen Gestaltung entzogen sind wie das Altern, schwere Krankheit oder sogar Gefangenschaft: dass wir uns in solcher Situation an Paulus als Vorbild erinnern und unsere Kraft von Gott empfangen. Er hat gesagt: »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Kor 12,9)

Und uns allen kann die philippische Gemeinde ein Vorbild sein: Beten wir um offene Augen zu erkennen, wo Menschen unseren Beistand brauchen, um nicht zu verzagen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.