Predigt über Philipper 1,1–11

Liebe Gemeinde, während der Sommerferien rückt der Brief des Apostels Paulus an die Philipper in unseren Blick. Den Handzetteln draußen auf den Bistrotischen können Sie den jeweiligen Briefabschnitt entnehmen, der der Predigt zugrunde liegt – nehmen Sie nachher doch einfach ein Blatt mit und vielleicht lesen Sie in einer ruhigen Stunde den Abschnitt, um den es das nächste Mal gehen wird.

Heute geht es um die ersten elf Verse des Philipperbriefes, den Briefanfang. Doch bevor wir in den Brieftext inhaltlich einsteigen, möchte ich sie in den Kontext einführen. Das ist das Faszinierende am Neuen Testament: Fast alle Briefe darin lassen sich in der Apostelgeschichte von Lukas verankern. Die Apostelgeschichte berichtet ja da weiter, wo die Evangelien enden und beschreibt die Zeit der jungen, im Entstehen begriffenen Kirche. Im 16. Kapitel der Apostelgeschichte berichtet Lukas über die philippische Gemeinde …

Alles begann mit einem Traum. Als Paulus, es war das Frühjahr des Jahres 49, mit Timotheus seine zweite Missionsreise begann, träumte er eines Nachts einen ganz seltsamen Traum. Sie waren gerade in der heutigen Türkei; am Tag hatten sie noch beratschlagt, wo sie als nächstes hingehen sollten, wo sie als nächstes den Menschen von Jesus Christus erzählen sollten. Darüber war die Nacht angebrochen und irgendwann hatten sie sich zur Ruhe gelegt. Das Feuer brannte noch ein wenig und schon bald waren die Männer auf ihren einfachen Lagern eingeschlafen. Bald begann Paulus zu träumen. In seinem Traum sah er einen Mann, einen Mazedonier, und der forderte ihn auf, ihn mit Jesus Christus bekannt zu machen.

Als Paulus am nächsten Morgen erwachte, da war er sich gar nicht mehr so sicher, ob das wirklich ein Traum gewesen war oder ob da nicht vielleicht wirklich ein Mann des Nachts zu ihm gekommen war. Aber eines war ihm ganz klar: dass Gott ihn weiter senden wollte, über Israel, über die Türkei hinaus.

Am Morgen erzählte er Timotheus seinen Traum und rasch wurden sie sich einig. Sie packten ihre Siebensachen und machten sich auf den Weg, der Küste entgegen, in die Hafenstadt Troas. Dort buchten sie eine Passage nach Griechenland. Schon bald kamen sie im Hafen von Neapolis an. Von dort gingen sie wieder zu Fuß weiter, … »nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie.« (Apg 16,12) Paulus und Timotheus hatten als erste christliche Missionare Europa erreicht.

[Siehe in der Bibel oder einem Bibelatlas die Landkarte zu Paulus zweiter Missionsreise]

Hier, in Philippi, gründete Paulus die erste europäische Gemeinde. Zu dieser Gemeinde hatte er Zeit seines Lebens ein besonders gutes und herzliches Verhältnis, ließ sich von ihr als einziger Gemeinde sogar unterstützen, als er in Gefangenschaft war.

Heute ist vom antiken Philippi nicht mehr viel erhalten. Aktuell ist nur das Amphitheater zu erkennen:


Das antike Philippi, Amphitheater. Satellitenfoto von Google Maps.

Philippi war eine Veteranenstadt, denn 31 n. Chr. siedelte Augustus alle ehemaligen Soldaten Antonius’ an, nachdem er in Actium besiegt hatte. Es war strategisch an einem Verkehrskontenpunkt, der Via Egnatia gelegen und hatte eine ganz kleine jüdische Gemeinde ohne Synagoge (vgl. Apg 16,13). Die Gemeinde war reich, eher »gutbürgerlich«, es gab nur geringe soziale Gegensätze – vielleicht ist das der Grund, warum Paulus nur von den Philippern Unterstützung annahm.

Damals, 49, hatte die Gründung der philippischen Gemeinde mit dem Traum vom Mazedonischen Mann, den Paulus nachts träumt, begonnen. Als Paulus einmal in Gefangenschaft war, hatte er regen Kontakt zur philippischen Gemeinde. Der Philipperbrief ist in dieser Gefangenschaft, vielleicht um das Jahr 60, entstanden.

Warum Paulus für eine Gemeinde danken kann ist die heutige erste Predigt zum Philipperbrief überschrieben und nachdem ich Ihnen die Entstehung von Gemeinde und Brief vorgestellt habe, soll nun endlich Paulus in seinem Brief an die Philipper zu Wort kommen lassen. Ich lese aus Kapitel 1 die Verse 1-11:

(Phil 1,1–11 MP) Paulus und Timotheus, Diener Jesu Christi, an alle Heiligen in Christus Jesus die in Philippi sind, mit ihren Bischöfen und Diakonen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und Herrn Jesus Christus.
Ich danke meinem Gott, wenn ich an euch denke, jedes Mal in meinen Gebeten für euch alle; mit Freude verrichte ich meine Gebete wegen eurer Gemeinschaft im Evangelium vom ersten Tage an bis jetzt, (und ich bin) darin gewiss, dass der, der das gute Werk in euch begonnen hat, es bis zum Tag Christi Jesu vervollkommnen wird.
Es ist (ge)recht, dass ich so über euch alle denke, weil ich euch in meinem Herzen habe und ihr alle Anteil habt an der Gnade meiner Gefangenschaft und der Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums. Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich von Herzensgrund Sehnsucht nach euch in Christus Jesus habe.
Ich bete, dass eure Liebe mehr und mehr überreich werde an Erkenntnis und allem Verständnis, das zu Prüfen, worauf es ankommt, damit ihr am Tage Jesu Christi rein und ohne Anlass zu Tadel seid, erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus zum Ruhm und Lob Gottes besteht.

Paulus und Timotheus – die einstigen Gemeindegründer schreiben an die Gesamtgemeinde, eben »an alle Heiligen«. Doch der eigentliche Verfasser des Briefes ist Paulus selbst, wie aus dem »Ich« im Fortgang nach dem den Brief eröffnenden Gruß deutlich wird.

Mit Vers drei beginnt nach dem Gruß die Vorrede, quasi die Einleitung zum Brief, wie es in der Antike üblich war. Und was sind das für einleitende Worte, die Paulus da nach dem knappen Gruß findet! Das ist beinahe schon eine Dankeshymne, die Paulus den Philippern schreibt: Er dankt Gott dafür, dass es die christliche Gemeinde in Philippi gibt und weiß, dass Gott den Glauben in den Herzen der Menschen dort vervollkommnen wird. Mit dem, der den Glauben in die Herzen gebracht hat, er umschreibt das hier mit »das gute Werk«, meint Paulus nicht sich selbst als Gründer der Gemeinde, sondern vielmehr den Heiligen Geist als den, der Glaube in die Herzen der Menschen bringt.

Glaube ist immer etwas Externes, dass uns Menschen von Gott im Heiligen Geist geschenkt wird und niemals unser eigenes Werk. Wir haben nur die Wahl, Glauben nicht anzunehmen, doch aus uns selbst heraus können wir gar nicht glauben.

Paulus fährt fort, dass der Heilige Geist den Glauben in der Gemeinde bis zum Tag Jesu Christi vollenden wird. Damit drückt Paulus ein Zweifaches aus: zum einen, dass die ganze philippische Gemeinde zum Glauben kommen wird. Zum anderen, dass dies bis zum Tage Jesu Christi geschehen werde.

Mit dem Tag Jesu Christi ist das Ende der Zeiten gemeint, wenn Gott in Christus die Erde erneuert. Altes wie Neues Testament wissen um diesen Tag und bezeichnen ihn auch als Tag des Gerichts. Im letzten Abschnitt des Predigttextes nimmt Paulus dies noch einmal auf. Er bittet Gott im Gebet darum, den Philippern genügend Geist zu schenken, dass sie darin leben können und Orientierung finden, was gut und schlecht ist, damit sie »am Tage Jesu Christi rein und ohne Anlass zu Tadel« (V. 19) sind. Für Paulus als Christen der zweiten Generation steht die Wiederkunft Jesus Christi immer noch kurz bevor, er rechnet damit, dass es sehr bald geschieht.

Wo Menschen Glaube in ihrem Leben Konsequenzen haben lassen, ihre Entscheidungen bewusst auch als Christen treffen und nicht bloß beispielsweise unter wirtschaftlichen Aspekten, da findet genau das statt, worum Paulus für die Philipper gebeten hat. Es ist der Spagat zwischen »Gnade« und »billiger Gnade«, den Paulus beschreibt. Da, wo Menschen ihren Glauben, die in der Taufe empfangenen Verheißungen beliebig sein lassen, da setzen sie auf billige Gnade. Doch Glauben empfangen zu haben bedeutet eben auch, ihn zu leben, auch wenn das manchmal unangenehm sein kann. Paulus hat es ins Gefängnis gebracht.

Doch alles das ist für ihn zweitrangig. Hier, in der Einleitung seines Briefes drückt Paulus vor allem seine Freude und Dankbarkeit aus. Erstaunlich für jemanden, der aus religiösen Gründen und nicht aufgrund eines Verbrechens gefangen ist.

»Ich danke meinem Gott, wenn ich an euch denke, jedes Mal in meinen Gebeten für euch alle; mit Freude verrichte ich meine Gebete wegen eurer Gemeinschaft im Evangelium vom ersten Tage an bis jetzt« schreibt er (V. 3–5). Dank und Freude, das sind seine stärksten Gefühle trotz seiner Situation. Gerade die Erinnerung an die philippische Gemeinde ist es, die ihm diese Freude täglich nahebringt. Paulus weiß darum, dass die Philipper an ihn denken und für ihn beten. Mitten in äußerer Gefangenschaft findet er sich im Glauben innerlich befreit, findet Kraft auszuhalten und sich sogar dankbar zu freuen.

Im Blick auf die Vergangenheit, in der die Philipper Christen wurden, kann er eben nur danken. Das führt ihn gegenwärtig zum Beten, denn für die Zukunft hat er die Hoffnung, dass Gott vollbringen wird, worum er ihn bittet.

Der dänische Theologe Sören Kirkegaard sagte einmal: »Leben kann man nur vorwärts, das Leben verstehen nur rückwärts.« Im Blick nach hinten hat Paulus erlebt, wie ihm der Glaube geholfen hat, ja, er erlebt es in seiner Situation immer wieder aufs Neue. Sein ganzer Blick ist nach vorne gerichtet. Gerade hier in der Einleitung des Briefes finden wir das.

Was würden wir wohl geschrieben haben, wenn wir in Paulus’ Situation gewesen wären? Vermutlich hätten wir gleich los gejammert, über die Haft und die erfahrene Ungerechtigkeit geklagt. Paulus nimmt davon kein Wort in den Mund, das ist überhaupt kein Thema für ihn. Er dankt dafür, dass es die Philipper gibt und schreibt in Vers 8, wie sehr er sich danach sehnt, endlich wieder bei ihnen zu sein. Und dass das so sein wird, damit rechnet er fest, denn für ihn war klar: der Tag Jesu Christi wird bald kommen.

Das seine Gefangenschaft nicht von Dauer war, scheint gut möglich, doch dazu ein anderes Mal mehr. Paulus weiß: seine Gemeinschaft mit den Philippern ist vollkommen, obwohl sie voneinander getrennt sind. Glaube schafft diese Verbindung, über Entfernung und Gefängnismauern hinweg.

Und das Gebet ist ein Mittel, diese Verbindung aufrecht zu erhalten. Das ist es, weshalb Paulus sich über die Philipper Freuen kann, Dankbar sein kann.

Liebe Gemeinde, das war eine harte Zeit, die Paulus hatte. Seine Haltung darin finde ich bewundernswert, ja, des Nacheiferns wert. Uns Deutschen sagt man nach, dass wir sehr gut darin seien, uns zu beklagen. Immer gibt es noch ein Haar in der Suppe, das wir entdecken und nichts ist gut genug. Entdecken Sie ein wenig davon in sich? Ich kann mich da schon ein Stück weit einfühlen und da gibt mir dieses Stück Philipperbrief zu denken: Was jammere ich, dem es gut geht, wenn Paulus im Sumpf fröhliche Lieder singt?

Vielleicht sollten wir uns einen Knoten ins Taschentuch machen und uns immer dann, wenn wir am liebsten Jammern würden, an Paulus denken. Vor allen Dingen an sein Erfolgsrezept, sich seine Lebensfreude auch in schweren Zeiten zu bewahren. Das ist doch vor allen Dingen eines: Dankbarkeit. Paulus ist in seinem tiefsten Herzen dankbar, weiß sich von Gott und seinen philippischen Freundinnen und Freunden getragen. Mit den einen hält er brieflich Kontakt, mit dem anderen im Gebet.

Da ist jemand, der an mich denkt – das weiß Paulus. Wo wir uns seine Haltung zueigen machen: können wir da nicht auch trotz schwieriger Umstände, in Krankheit, im Altern, in Sorgen aller Art, Lebensfreude entdecken?

Ich wünsche es uns. Paulus’ Geheimrezept ist das Beten, dass er Gott immer wieder sagt, was alles gut in seinem Leben ist, es so selbst immer wieder hört und so hoffnungsvoll ausblicken kann. Lassen Sie uns das von Paulus lernen: Gott immer wieder im Gebet zu danken, selbst im Schweren, und so fröhlich und dankbar zu werden.

Als Sie hereinkamen, ist Ihnen vielleicht am Kartenständer neben der Tür ein Briefkasten aufgefallen. Bei einem gemeinsamen Gespräch zwischen dem Vorstand der Landeskirchlichen Gemeinschaft Erlenhagen und unserem Bezikspresbyterium kam die Idee auf, so einen Briefkasten aufzuhängen für unsere Gebete. Ich lade Sie ganz herzlich ein: machen Sie von diesem Briefkasten Gebrauch. Vielleicht schreiben Sie einmal auf, was Ihnen ganz schwer fällt oder Ihnen Sorgen macht und werfen es dort ein. Wir wollen es ins Fürbittengebet aufnehmen, dass wir ja alle mit unserem Amen nach dem Vaterunser bekräftigen. So kann man ganz leicht erfahren, was schon Paulus in der Anteilnahmen der Philipper erlebt hat: dass Gott uns Geschwister zur Seite stellt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.